1. – 4. Schuljahr

Christina Kauschke

Wortschatzerwerb bei Kindern

Erkenntnisse zur Entwicklung im Grundschulalter und davor

Wie ist der aktuelle Wissensstand zu den Mechanismen und Phasen des Worterwerbs bei Kindern? Wann und wie lernen Kinder Wörter und welche Schwierigkeiten können dabei auftreten? Der Artikel gibt Antworten auf diese Fragen und zeigt, wie die Erwerbsprozesse im Grundschulalter unterstützt werden können.

„Building a diverse and deep vocabulary is a process that begins in infancy
and continues to old age.
Karla McGregor und Dawna Duff, zwei US-amerikanische Spracherwerbsforscherinnen, sprechen mit dem Zitat (2015, S. 248) wichtige Dimensionen des Wortschatzerwerbs an: Zum einen ist der Aufbau des Wortschatzes genauer des mentalen Lexikons ein lebenslanger Prozess. Nachdem die Vorläufer bereits im Säuglingsalter liegen und eine markante Wachstumsphase im zweiten und dritten Lebensjahr zu verzeichnen ist, erfolgen im Laufe des Vorschul- und Schulalters Ausdifferenzierungen und Erweiterungen, die sich natürlich in späteren Jahren weiter fortsetzen.
Zum anderen betont das Zitat sowohl die Breite als auch die Tiefe des Wortschatzes, da es nicht nur viele verschiedene Wörter zu erwerben gilt, sondern zu jedem Wort vertieftes Wissen über dessen Form, Bedeutung und Gebrauchsbedingungen gespeichert werden muss. Angesichts von Befunden, denen zufolge der individuelle Wortschatzumfang eng mit den Lesefähigkeiten, aber auch mit dem Schulerfolg und sozialer Beliebtheit zusammenhängt, wird deutlich, dass die Förderung und Stärkung des Wissens über Wörter gerade im Schulalter eine zentrale Aufgabe sein sollte.
1. Phasen und Mechanismen des Wortlernens
In einer aktuellen Überblicksarbeit skizzieren He und Arunachalam (2017) drei Phasen, die beim Erwerb jedes Wortes nacheinander durchlaufen werden müssen (siehe Tabelle 1 ): Jedes Wort muss zunächst aus dem kontinuierlichen Sprachstrom, dem das Kind von Geburt an ausgesetzt ist, heraus isoliert und als Einheit gespeichert werden, bevor ihm eine erste Bedeutung zugewiesen wird. Über den Gebrauch in vielfältigen Situationen hinweg werden Informationen über das Wort gesammelt und dieses in das mentale Lexikon integriert.
Auch wenn jedes einzelne zu lernende Wort erkannt, mit Bedeutung verknüpft und hinsichtlich seiner Form und Bedeutung ausdifferenziert und verfeinert werden muss, finden diese Prozesse verstärkt in bestimmten Erwerbsphasen statt, die im Folgenden in einer groben Entwicklungsreihenfolge dargestellt werden (für eine ausführlichere Darstellung und weitere Literaturhinweise s. Kauschke 2017).
2. Meilensteine des Lexikonerwerbs
Wörter erkennen
Säuglinge wenden bereits effiziente Mechanismen an, die ihnen helfen, Wörter als abgrenzbare Einheiten ihrer Muttersprache zu entdecken. Dazu muss der kontinuierliche Sprachstrom zerlegt (segmentiert) werden. Um festzustellen, wo die Grenzen zwischen Wörtern verlaufen, bedienen sich Kinder ab etwa sechs Monaten verschiedener Strategien, das heißt, sie richten ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Hinweisreize und leiten daraus Annahmen über Wortgrenzen ab. Ein wichtiger früher Hinweisreiz ist die Wortbetonung: Ausgehend vom vertrauten Betonungsmuster der Muttersprache nimmt ein Deutsch lernendes Kind an, dass Wörter in der Regel mit betonten Silben beginnen und eine Wortgrenze daher vor einer betonten Silbe liegen muss. Mit Hilfe dieses so genannten prosodischen bootstrappings finden Kinder den Einstieg in die Lexikonentwicklung.
Ab etwa acht Monaten können sie zuvor gehörte Inhalts- und Funktionswörter wiedererkennen. Das Erkennen einesvertrauten Wortes, auch des eigenen Namens, stellt einen Ankerpunkt im Sprachstrom dar, sodass das Kind vor und nach diesem Wort eine Wortgrenze annehmen kann. Haben die Kinder im ersten Lebensjahr gelernt, Wortformen anhand von Formmerkmalen als feste Einheiten abzuspeichern, können diese mit Konzepten verbunden werden.
Wortform und Wortbedeutung koppeln
Nun entstehen...

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