3. – 4. Schuljahr

Tetyana Vasylyeva und Anne Mischendahl

Mehrdeutige Wörter im Kontext erkennen

Strategien zur Erschließung von Wortbedeutungen lernen

Um erfolgreich mit Texten zu arbeiten, müssen Kinder die Bedeutung ihnen unbekannter Wörter erschließen können. An mehrdeutigen Wörtern lernen sie in einer fächerverbindenden Einheit Strategien der Bedeutungserschließung auf Satz- und Wortebene kennen.

Warum die Worterkennung im Kontext wichtig ist
Bei Schuleintritt verfügen Kinder über etwa 550, nach Abschluss der vierten Klasse über etwa 2000 Wörter im produktiven Wortschatz. Ihre lexikalische Kompetenz erweitern sie allerdings nicht vornehmlich durch Definitionen oder bei der Wörterbucharbeit, sondern sie lernen die meisten Wörter beiläufig beim Lesen.
Beiläufiges Wörterlernen kann jedoch nur unter bestimmten Bedingungen gelingen: Damit Kinder Wortformen und Wortbedeutungen abspeichern und Wörter mit anderen Wörtern vernetzen können, müssen sie einen umfangreicheren Text gelesen haben. Darin sollte das unbekannte Vokabular nicht mehr als zwei Prozent aller Wörter ausmachen. Nicht zuletzt ist es wichtig, dass einem unbekannten Wort dann im Unterricht ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit zukommt (Köppel 2016).
Basale Voraussetzung für das beiläufige Wörterlernen beim Lesen ist die Fähigkeit, Wortbedeutungen aus dem Kontext zu erschließen (s. Kasten 1). Den Aufbau dieser Fähigkeit zeigt die vorgestellte Unterrichtsidee.
Kasten 1: Strategien zur Erschließung von Wortbedeutungen mit entschlüsselnden Fragen
Kasten 1: Strategien zur Erschließung von Wortbedeutungen mit entschlüsselnden Fragen
Strategie 1: Bedeutungen benachbarter Wörter beachten
  • Werden im Satz Synonyme, Antonyme, Ober- oder Unterbegriffe zum Wort verwendet?
  • Handelt es sich beim Satz um eine Definition?
  • Kommen im Satz bekannte Wörter vor, mit denen das Wort häufig kombiniert wird?
Strategie 2: Besonderheiten des Satzbaus erkennen
  • Weisen grammatische Strukturen (z.B. Vergleiche, Aufzählungen, Relativsätze) auf die Verwendung von Synonymen, Antonymen, Ober- oder Unterbegriffen hin?
  • Werden für Definitionen typische Redewendungen verwendet?
Strategie 3: Wortform erkunden
  • Gibt es Hinweise auf die grammatischen Merkmale des Wortes (Wortart, grammatisches Geschlecht)?
Kognitive Prozesse im Grundschulalter
Mit den, im Laufe der Grundschulzeit, wachsenden Anforderungen bei der Textlektüre korrespondieren die kognitiven Prozesse der Reorganisation und Konsolidierung des kindlichen Wortwissens. Im Alter zwischen drei und neun Jahren setzen Kinder Wortbedeutungen zueinander in Beziehung, indem sie Synonyme (lieb – nett), Antonyme (heiß kalt) und Klassifikationen unterschiedlicher Art, zum Beispiel als Unter- und Oberbegriffe (Katze Haustier –  Tier – Lebewesen), bilden und so die Wörter „tief erfassen (Köppel 2016, Nippold 2007).
Kinder erkennen im Verlauf dieses Prozesses einerseits, dass ein und derselbe Gegenstand unterschiedlich benannt werden kann (Seite – Zettel), und andererseits, dass ein und dasselbe Wort (Lösung) mehrere Bedeutungen haben kann (Lösung einer Aufgabe – chemische Lösung).
Kontextuelle Hinweise auf Wortbedeutungen
Wie vollzieht sich die Zuordnung eines Wortes zu einer passenden Bedeutung im Kontext?
Sowohl für die mündliche Kommunikation als auch für das Lesen von Texten gilt, dass sich passende Wortbedeutungen aus dem Kontext ergeben. Während allerdings im Mündlichen auch Hinweise aus der unmittelbaren Umgebung der Zuordnung dienen, müssen Kinder die relevanten Bedeutungen beim Lesen ausschließlich dem Textkontext entnehmen. Als Hinweise dafür können laut Nippold (2007) nähere Bestimmungen des Begriffs (Indigo, eine pflanzliche Farbe), Relativsätze (Thermometer, das Gerät zur Temperaturmessung), die Konjunktion oder (Berggipfel oder der höchste Punkt), direkte Erklärungen und vieles mehr dienen.
Auch können im Text Neuformulierungen, Illustrationen durch Beispiele (einige Stoffe, wie zum Beispiel Zucker), Vergleiche...

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