1. – 4. Schuljahr

Tanja Schubert

Wanderbuch und Buchvorstellung

Das Vorlesen gelingen lassen

Von Anfang an viel vorlesen und gleichzeitig Räume schaffen für literarische Gespräche: Das ist ein guter Nährboden für eine motivierende Lesekultur in der Klasse. Zwei Vorleseprojekte werden hier vorgestellt, die ein zusätzlicher „Dünger für nachwachsende Leserinnen und Leser sein können.

Die hier vorgestellten Projekte verstehen sich als Elemente eines Gesamtkonzepts, bei dem von Anfang an viel vorgelesen wird und es genügend Zeit sowie Räume für literarische Gespräche gibt (vgl. Brinkmann 2005). Dafür ist ein großes Angebot an Büchern, Comics, Zeitschriften und digitalen Medien wünschenswert. Neben Klassikern sollte unbedingt auch aktuelle Kinder- und Jugendliteratur vorhanden sein.
Es sollten Zeit und Raum für die Schüler da sein, sich über Literatur und über Gelesenes auszutauschen und dabei das Gelesene auch zu werten. Fragen wie: Was gefällt mir und warum? Was gefällt mir weniger und warum? Was mag ich gerne vorlesen und gibt es Gründe dafür? Und natürlich sind Lesevorbilder wichtig. Gute Vorleser gehen mit der Geschichte mit, hauchen den Figuren Leben ein.
Im Folgenden werden zwei Vorleseprojekte vorgestellt, das Wanderbuch und die Buchvorstellung.
Wanderbuch
Sobald die Schülerinnen und Schüler selbst Texte lesen können, beginnen wir im Morgenkreis, gemeinsam in einem Buch zu lesen, indem wir es uns abwechselnd vorlesen. Wir nennen es unser „Wanderbuch, da es von einer Hand zur anderen wandert. Zu Beginn suche ich ein Buch mit Bedacht aus, um sicherzustellen, dass möglichst viele Kinder den Text bewältigen können und es zugleich inhaltlich für viele interessant ist.
Später suchen wir dann gemeinsam nach geeigneten Büchern, denn unerlässlich für gutes Vorlesen ist das richtige Buch (vgl. Becker 2005).
Das Vorlesen organisieren und vorbereiten
Jeden Morgen liest ein Kind aus dem Wanderbuch vor. Es liest freiwillig und hat sich auf das Vorlesen vorbereitet. Die Freiwilligkeit und die Möglichkeit der Vorbereitung sind zentral! Wenn zum Beispiel Carolin gern vorlesen möchte, aber in einer Woche keine Zeit hat, kündigt sie an, dass sie am folgenden Montag lesen möchte. Am Wochenende kann sie dann das Vorlesen vorbereiten.
Wir haben gemeinsam erarbeitet, wie man sich auf das Vorlesen vorbereiten kann: zuerst leise den Textabschnitt für sich lesen, Fragen klären und den Text verstehen. Dann überlegen, welche Stellen besonders betont vorgelesen werden sollten. Wer möchte, darf sich die Stellen im Buch markieren. Wir haben gemeinsam gesammelt, wem man alles zur Übung vorlesen kann: von den Eltern, über das Kuscheltier bis hin zur Nachbarin.
Wenn sich ein Kind lange Zeit nicht traut, im Morgenkreis vorzulesen, kann man ihm anbieten, einen Textabschnitt auf ein Aufnahmegerät zu sprechen und das dann im Morgenkreis abzuspielen. Offene Bedingungen ermöglichen eine Teilhabe möglichst vieler Schüler und Schülerinnen.
In meiner Inklusionsklasse gibt es ein Mädchen, das aufgrund einer sehr schweren LRS einen sonderpädagogischen Förderbedarf hat und trotzdem gern aus dem Wanderbuch vorlesen wollte. Wir haben uns dann zusammengetan. Sie hat zwei Sätze vorbereitet, fast auswendig gelernt, den ersten und den letzten eines Abschnittes. Ich habe den mittleren Teil vorgelesen. Sie war sehr stolz und wurde von den anderen sehr gelobt, dass sie sich getraut hatte vorzulesen.
Elemente einer Vorlesekultur
Ein wichtiger Aspekt ist die Atmosphäre, in der die Vorleserunde stattfindet. Wir haben einen festen Sitzkreis aus Bänken, in dem wir uns zum Morgenkreis treffen. In der Mitte steht ein Tisch mit Kerzen. Jeder hat genügend Platz zum Sitzen. Es kann auch ein Kind geben, das besser zuhören kann, wenn es an seinem Tisch sitzen darf und, den Kopf auf dem Tisch, entspannt zuhören kann.
Wir haben feste Vorleserituale. Zuerst erzählt das vorlesende Kind, wie es sich vorbereitet hat. Das hilft den Kindern, im Laufe der Zeit Ideen zu...

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