3. – 4. Schuljahr

Christiane Hochstadt

Vorlesen als Aufführung

Leseförderung durch Vorlese-Performances

Die Kinder gestalten eine Vorlese-Performance und üben dafür das flüssige und betonte Lesen. Die ästhetische Inszenierung des Vorlesens in der Performance nimmt das sinnliche Erleben von Vorleseprozessen in den Fokus.

Vorlesen ist immer auch ein Aufführen und Inszenieren, das intensive Erlebensmomente ermöglicht. Die Zuhörenden werden in den Bann gezogen und erfahren sinnliche Begegnungen mit Sprache und Literatur. Aus didaktischer Perspektive wird Vorlesen zumeist als rezeptiver Akt beleuchtet. Dabei birgt es auch als produktiver Prozess, den Schülerinnen und Schüler gestalten können, großes didaktisches Potenzial. Die Kraft des Vorlesens, die Kinder beim Zuhören erfahren, können sie, wenn sie selbst lesen, an andere Kinder oder an Erwachsene weitergeben.
Das hier vorgestellte Unterrichtsmodell begreift Vorlesen als ästhetischen Prozess des Aufführens, bei dem die Schüler die Rolle von Aufführenden einnehmen und Texte inszenieren. Gleichzeitig eröffnet es Raum für Leseförderung, indem die Kinder lautes Lesen wiederholt, intensiv und für ein Gegenüber üben.
Leseförderung durch Vorlesen
Hier werden unter anderem Methoden der so genannten Lautleseverfahren (z.B. Rosebrock u. a. 2011) berücksichtigt. Sie haben die Förderung der Leseflüssigkeit (reading fluency) und damit der „Fähigkeit zum betonten und sinngestaltenden Vorlesenkönnen zum Ziel (Rosebrock et al. 2011, S. 37). Lautleseverfahren sollen insbesondere die Schülerinnen und Schüler unterstützen, die basale Teilprozesse des Lesens (Dekodieren, Betonen etc.) noch nicht automatisiert haben. Es lassen sich zwei Grundformen der Lautleseverfahren unterscheiden:
  • Wiederholtes Lautlesen: Ein Schüler (Tutand) liest einen kurzen, für ihn mittelschweren Text so oft laut vor, bis er ihn flüssig lesen kann. Unterstützt wird er von einem beratenden Zuhörer (Tutor). Das Ziel ist, dass der Tutand durch das wiederholte Vorlesen und die Beratung seines Tutors zunehmend sicher und betont zu lesen lernt.
  • Begleitetes, vorbildorientiertes Lautlesen: Ein „Leselehrling liest zusammen mit einem „Leseprofi einen Text gemeinsam (chorisch halblaut) und verbessert seine Lesefähigkeiten (vor allem Lesegeschwindigkeit und Betonung) durch die Orientierung an seinem „Lesemodell.
Beide Grundformen haben eine starke ästhetische Kraft (vgl. Hochstadt 2014, S. 82) und spielen hier eine zentrale Rolle: Damit die Kinder ihre Vorlese-Performance sicher und souverän aufführen können, müssen sie die Textauszüge, die sie lesen, wiederholt und mit oder vor anderen üben. Wie die ästhetische Dimension der Lautleseverfahren und gleichzeitig deren Übungseffekt durch die Inszenierung einer Vorlese-Performance wirksam werden können, zeigt das folgende Unterrichtsprojekt.
Das Konzept Vorlese-Performance kennenlernen
„Ich möchte mit euch gemeinsam eine Vorlese-Aufführung für eure Eltern, Mitschüler und Freunde planen. Mit dieser Ankündigung begrüßt die Lehrerin die Kinder, die sich in einem Kreis versammelt haben. Sie hat im Klassenzimmer eine provisorische Bühne errichtet (Tipp: einen festen Stoff auslegen und auf dem Boden fixieren) und verkündet, dass die Schüler zu der geplanten Performance Zuhörer einladen und ihnen Texte zu einem Thema (im vorliegenden Modell: Tiere) vorlesen werden. Sie stellt der Klasse das Konzept Vorlese-Performance vor (s. Kasten Information).
Information
Die Vorlese-Performance
Vorlese-Performances greifen auf Elemente der Performance-Art zurück und geben Raum für eine ästhetische Inszenierung des Vorlesens. Sie zeichnen sich durch eine spezifische Sprachlichkeit aus: Es gibt keinen oder einen nicht durchgängig zusammenhängenden Text, die Darsteller setzen verschiedene Vorlesearten um und verzerren ihre Sprechweisen (z.B. durch Überartikulation). Je nach Inszenierungskonzept, werden theatrale Zeichen wie Geräusche, Musik, Körper, Licht, Raum etc. eingesetzt.
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