1. – 4. Schuljahr

Isabel Abedi

Geschichten lebendig werden lassen

Eine (Kinderbuch-)Autorin erzählt

Wie bereite ich mich auf Lesungen vor? Was ist mir beim Vorlesen aus meinen Büchern wichtig? Werden beim Vorlesen eigener Bücher meine Figuren wieder lebendig, entwickeln oder verändern sie sich nach der 15. oder 50. Lesung? Auf diese Fragen antwortet die renommierte Autorin Isabel Abedi.

Seit meiner ersten Schullesung sind mittlerweile ein Dutzend Jahre ins Land gegangen; eine Zeit, in der mein Repertoire an (Vorlese-)Büchern ebenso gewachsen ist wie meine Erfahrungen durch Begegnungen mit den unterschiedlichsten Schulen, Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern. Dementsprechend haben sich auch meine Lesungen entwickelt, ich bin flexibler geworden, kann meine Zuhörerschaft spontan einschätzen und vor Ort improvisieren, etwas „aus dem Hut zaubern wenn das, was ich vorbereitet habe, unpassend ist oder sich, beispielsweise wegen einer technischen Störung, nicht umsetzen lässt.
So gelingt die Lesung
Auf das Publikum hören
Meine oberste Prämisse bei allen Lesungen ist: dass die Schülerinnen und Schüler und bestenfalls auch die erwachsenen Zuhörer von meinem Programm in den Bann gezogen werden, sich angesprochen, unterhalten fühlen. Meine Veranstaltung soll Freude bringen, eine Bereicherung und kein Pflichtprogramm sein. Sollte Unruhe aufkommen (was zum Glück selten ist), suche ich die Ursache in erster Linie bei mir, nicht bei den Kindern.
Den passenden Text auswählen
Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Lesung ist, dass mein jeweiliges Buch zum Alter der Schülerinnen und Schüler passt. Am liebsten ist mir, wenn sich die Lehrerinnen vorab mit der Lektüre beschäftigt haben, die sie für eine Lesung an ihrer Schule auswählen. Im Einzelnen sind Kinder ebenso individuell wie wir Erwachsenen auch, sie lassen sich nicht in Schubladen einordnen. Auch in ein und derselben Klasse sind die Vorlieben und Entwicklungsstadien der Kinder natürlich ganz verschieden. Dennoch ist es hilfreich, wenn die Protagonisten, deren Geschichte ich vorlese, nicht viel älter oder jünger sind als die Zuhörer selbst.
Den Funken überspringen lassen
Ich habe im Laufe der Jahre eine Art Baukastensystem entwickelt, das mir für jede Lesung eine Mischung aus Struktur und Spontanität erlaubt. Ich muss die Kinder sehen, ein Gefühl für die Atmosphäre bekommen, und kann dann entscheiden, welche Szenen am besten passen, welche ich zufügen, welche ich weglassen kann.
Mir ist dabei auch wichtig, dass ich selbst Spaß habe, denn (m)ein Funke kann nur überspringen, wenn mein inneres Feuer geschürt ist, wenn ich selbst mit Leidenschaft bei der Sache bin. Nicht selten bin ich auf Lesereisen, auf denen ich über mehrere Tage hinweg drei Lesungen pro Tag halte. Würde ich jedes Mal dasselbe Programm abspulen, würde man mir die Langeweile spätestens nach der dritten Lesung anmerken. Deshalb achte ich darauf, meine Lesung, auch wenn sie aus demselben Buch ist, zu variieren; fange mal mit Lesen, mal mit Erzählen an, antworte auch auf dieselben Fragen immer anders und überrasche dabei nicht selten auch mich selbst.
Figuren lebendig werden lassen
Beim Vorlesen entstehen in den Köpfen der Zuhörer Bilder, und natürlich werden meine Figuren auch für mich noch einmal lebendig, wenn sie aus den Buchseiten heraustreten; wenn ihre Stimmen und Stimmungen den Raum füllen, und im schönsten Fall die Spannung so greifbar wird, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Das sind diese besonderen Glücksmomente, in denen wir alle verbunden sind, die Kinder, ihre Lehrerinnen und Lehrer, die Figuren der Geschichte und ich selbst als Geschichtenerzählerin.
Ein Blick in die Autoren-Werkstatt
Nach dem Vorlesen zeige ich gern auch „echte Bilder und ermögliche den Kindern mit mitgebrachten Fotos, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. An welchen Orten sind die Geschichten entstanden? Wo finde ich meine Ideen oder vielmehr, wo finden meine Ideen mich? Wie...

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