3. – 4. Schuljahr

Christoph Jantzen und Fritzi Wiegel

„Das war wie im Film, nur vom Radio

Vorgelesenes reflektieren, vergleichen und bewerten

Mithilfe der hier vorgestellten Bausteine können Schülerinnen und Schüler Vorgelesenes bewusster rezipieren. Zugleich erweitert eine Reflexion gestalterischer Mittel das Bewusstsein für eigene Gestaltungsmöglichkeiten beim Vorlesen.

Vorbereitet vorzulesen, setzt zahlreiche Entscheidungen voraus: Welche Stimme gibt man den Personen bei der wörtlichen Rede? Welche Wörter werden durch besondere Betonungen hervorgehoben? Ist Ruhe oder Hektik in der Stimme angebracht, um Gemütlichkeit oder Dramatik in den Text zu legen? Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, „nimmt auch der Vorleser durch seine Art des Vorlesens eine Bewertung vor (Merklinger 2015, S. 88). Als Zuhörer sind wir uns dem Grad der Interpretation meist nicht bewusst, und auch bei der Vorbereitung auf gestaltetes Vorlesen werden interpretative Entscheidungen kaum reflektiert.
In der bewussten Auseinandersetzung mit Vorgelesenem können Kinder lernen, „welche Funktionen Äußerungen haben können und wie sie diese sprecherisch-stimmlich [] unterscheidbar äußern können (Bräuer/Trischler 2016, S. 10). Und es wird ihnen bewusst, dass der Akt des Vorlesens immer durch eine subjektive Interpretation des Textes gesteuert wird und Texte somit unterschiedlich rezipiert werden.
Kern des hier entwickelten Modells ist die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Einlesungen des Märchens „Der Sohn des Bartscherers (Tracks 4– 6). In diesem Modell wird mit allen drei Einspielungen gearbeitet. Wer die Komplexität reduzieren möchte, kann auch nur zwei der Einspielungen verwenden. Die Hörbeispiele machen Unterschiede beim Vorlesen erfahrbar. Die einzelnen methodischen Bausteine stellen ein Maximalangebot dar. Auch sie können in einer umfangreichen Einheit alle bearbeitet werden gedacht sind sie jedoch eher als ein Baukasten, der für jede Klasse individuell zusammengesetzt werden kann und zu Übertragungen und eigenen Ergänzungen anregen möchte.
Die Zitate (s. Kasten) sind von Kindern einer 3. Klasse, die bilingual deutsch-türkisch unterrichtet wird.
Rückmeldungen
Während der Erprobung
„Mir hat die Betonung gefallen. Und obwohl er ein Mann ist, hat er das kleine Mädchen wie ein Mädchen gesprochen. (Irina zur Aufnahme von R. Jantzen)
weil er so deutlich spricht und weil er so gut die Stimme verstellen kann und weil er eine schöne Stimme hat. (Miluzka zur Aufnahme von R. Jantzen)
„Sie hat so andere Stimmen gesprochen, das hat mir gefallen, aber es war schnell aber schön. Und noch richtig laute Stimme. Super, super war das. (Ferida Gamze zur Aufnahme von J. Hauke)
„Es hat mir gut gefallen. (Ahmed zur Aufnahme von S. Klenz)
Nach der Erprobung
„Sie hat die Betonung sehr gut gemacht. Es klang so, dass da mehrere Leute standen. Das war wie im Film, nur vom Radio. Der Rest war richtig gut. (Ahmed zur Aufnahme von S. Klenz)
„Mir gefällt die Aufnahme von Judith Hauke am besten, weil sie mit anderen Stimmen geredet hat. Sie hat wie ein Mann geredet. Die alle, Rüdiger Jantzen, Stefanie Klenz und Judith Hauke, haben am Anfang immer das Gleiche gesagt. Und Stefanie Klenz hat immer Pausen gemacht, kurze Pausen. Jetzt zu Judith Hauke: Ich fand es sooo toll, alle fand ich toll, aber ich fand Judith Hauke war am besten. (Ferida Gamze zu allen Aufnahmen)
Baustein 1: Situierung
Als Rahmen dient ein fiktives Setting: Ein Hörbuchverlag sucht eine Vorleserin oder einen Vorleser für eine Märchen-CD. Drei Bewerber haben eine Probeversion des persischen Märchens „Der Sohn des Bartscherers eingereicht. Die Klasse bildet die Auswahlkommission und soll in einem Prozess zu einer Entscheidung darüber kommen, wer von den dreien den Auftrag bekommt, das Hörbuch einzulesen.
Im Laufe der Einheit kann immer wieder auf das Setting zurückverwiesen werden, zum Beispiel, wenn es darum geht, gemeinsam über Kriterien zu sprechen, oder wenn die eigene Sicht...

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