1. – 6. Schuljahr

Wie eine Skulptur

Texte überarbeiten

Es gibt erstaunlich viele Ähnlichkeiten zwischen der Arbeit an einem Kunstwerk und der an einem Text. Beide erfordern mehrfach Überarbeitungen, bis die Autorin bzw. der Künstler damit auch wirklich zufrieden sind.

Heide Niemann
Seit vielen Jahren male ich. Immer noch fällt es mir schwer, den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem ich die Arbeit an einem Bild beende. Nach mehreren Monaten denke ich manchmal, das Bild könnte fertig sein. Ich hänge es dann probeweise an die Wand, an der das Licht Abstufungen und Schattierungen der Farben gut erkennen lässt ich bin zufrieden mit meinem Werk.
Nach mehreren Tagen merke ich, mich stört etwas, etwas stimmt nicht. Ich weiß nicht, was es ist, ich weiß nur, etwas stört. Dieses Unbehagen bleibt, ich nehme es ab und arbeite weiter daran. Ich verändere hier die Strichführung, dort einen Farbton, und an einer Stelle trage ich eine neue Farbe auf, um den Kontrast auf der Seite zu verstärken. Einige Wochen später hängt das Bild wieder an der Wand.
Es vergehen ein oder zwei Monate, in denen ich immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln auf das Bild schaue, bevor ich merke, dass mich immer noch etwas stört. Und dann dauert es lange Zeit, bis ich erkenne, was es ist: Der stärkere Kontrast durch den neuen Farbton hat die Stimmigkeit verändert daran muss ich weiterarbeiten. Endlich nach mehreren Wochen wird das Bild fertig. Ob ich aber, wenn es längere Zeit hängt, nicht doch wieder Unstimmigkeiten sehe, weiß ich noch nicht für den Moment bin ich zufrieden.
Kritische Distanz wahren
Beim Schreiben dieses Textes ist mir aufgefallen, wie viele Ähnlichkeiten es zwischen der Arbeit an meinem Bild und der an einem Text gibt. Ich schreibe einen Text, gehe ihn nach dem ersten Entwurf durch, überprüfe die logische Abfolge der Gedanken, ergänze, achte auf Redundanz und feile ihn stilistisch aus. Nach einigen Tagen lese ich ihn noch einmal und merke, der erste Absatz gerade der, der mir anfangs so gut gefiel passt nicht mehr. Der Text hat sich inzwischen weiterentwickelt, ich muss Textteile verschieben, Passagen um- bzw. neuschreiben, einige Gedanken stärker herausstellen. Der Abgabetermin für den Text rückt näher, ich drucke den inzwischen weiter veränderten Text aus und lese ihn mit anderen Augen. Eine Schlussfolgerung umformulieren und eine stilistische Änderung vornehmen ja, wenn ich das einarbeite, werde ich ihn absenden.
Bei beiden Prozessen sind sowohl der Blick aus einer anderen Perspektive als auch die wiederholte kritische Sicht auf das eigene Werk wichtig, und das ist die Herausforderung: Nicht „blind das inzwischen Bekannte sehen bzw. lesen, sondern immer noch die Distanz wahren.
Die Autorin Susan Griffin hat einmal gesagt, Schreiben sei ein langsamer Prozess, ähnlich dem Entstehen einer Skulptur (s. Abb. ), bei dem es eine Kommunikation zwischen Material und Künstler gäbe (s. Abb.). „Writing is a slow process, like sculpting youre dealing with something that has a will of its own. Its a process of communion and communication between you and the material. You are your first reader. (Smith 1994, S. 167)
Alltagstexte schreiben
Was sind das für Texte, die ich so gründlich überarbeite und immer wieder durchgehe? Es sind solche, die ich nicht für mich schreibe, sondern für andere Leserinnen und Leser. Beim Malen bin ich die Adressatin, beim Schreiben der Texte sind es die Leser. Und das entscheidet letztlich darüber, wie und unter welchen Aspekten ich überarbeite, wie das folgende Beispiel zeigt: Vor kurzem wollte ich einer älteren Dame einen Brief zu ihrem 90. Geburtstag schreiben. Es war kein Text, der mir „aus der Feder floss. Ich schrieb, verwarf, begann neu, versuchte mich in ihre Rolle zu versetzen nichts gelang mir. Dann endlich, nach etlichen Versuchen, hatte ich einen Entwurf, an dem ich weiterarbeiten konnte. Ich wusste, die Empfängerin liest ihre Briefe und Karten später immer wieder, und aus dem...

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