1. – 6. Schuljahr

Christina Bär und Sarah L. Fornol

Texte überarbeiten

Vom Können der Kinder ausgehen

Überarbeiten gehört zum Schreiben auch für Kinder im Grundschulalter. Indem Schülerinnen und Schüler zur Arbeit am Text angeregt werden, können sie sich Wissen zum Überarbeiten aneignen. Gleichzeitig werden durch das Überarbeiten Lernprozesse im Hinblick auf Schreibfähigkeiten angestoßen.

Kennen Sie die erwartungsvollen Gesichter, wenn Schreibanfängerinnen und Schreibanfänger nach einem mühsamen Verschriftungsprozess einen eigenen Text zu Papier gebracht haben? Er mag vielleicht aus wenigen Wörtern oder Sätzen bestehen, die Wortschreibungen mögen vielleicht noch rudimentär sein, doch jemand anderes kann das Geschriebene (vor-)lesen und die Kinder merken, dass ihr Geschriebenes verstanden wird. Vielleicht kennen Sie auch die stolzen Gesichter von schreiberfahreneren Grundschulkindern, die dem Klassenpublikum ihre selbst verfassten Texte vorlesen und dabei erleben können, dass sie ihre Mitschüler und Mitschülerinnen zum Lachen oder zum Gruseln bringen? In solchen Fällen erscheinen die Texte der Grundschulkinder wie Kunstwerke, die man am liebsten nicht kritisieren oder verändern möchte (s. Abb.1 ).
Ähnlich wie bei einem gemalten Bild fällt es schwer, hier noch etwas abändern und da noch etwas hinzufügen zu wollen. Diese Haltung ist nachvollziehbar, denn sie bringt dem schöpferischen Akt, den Kinder beim Schreiben vollziehen, Wertschätzung entgegen. Zugleich verbirgt sich hinter dieser Haltung aber auch die Befürchtung, die Schülerinnen und Schüler würden ihre Schreibmotivation verlieren, wenn sie auch kritische Rückmeldung zu ihren Texten erhalten. Dabei entstehen die meisten Kunstwerke ganz gleich ob geschrieben oder gemalt in einem längeren Schaffensprozess, in dem Künstlerinnen und Künstler Distanz zu ihrem Werk einnehmen, es mit anderen besprechen und Überarbeitungen vornehmen.
Viele Lehrkräfte haben das Überarbeiten in ihrer eigenen Schulzeit womöglich im Sinne von „Korrigieren erlebt. Falsche Schreibungen und unangemessene Ausdrucksweisen mussten verbessert und kurze Texte zu langen werden. Enthielt eine Geschichte zu wenige Adjektive oder wörtliche Rede, wurden sie hinzugefügt, damit sich die Leserinnen und Leser alles ganz genau vorstellen konnten und der Text „lebendig wurde. Dieses Heft möchte eine andere Perspektive auf das Überarbeiten richten. Überarbeiten wird
  • als wichtige Tätigkeit im Schreibprozess verstanden, mit der Schreibende sich ihren Ausdruckswünschen annähern;
  • als eigene Schreibphase nach dem Schreibprozess begriffen, in der Schreibende einen Perspektivenwechsel vom Schreiben zum Lesen vornehmen, ihren Text retrospektiv betrachten und bei Bedarf verändern.
Unter einer solchen Perspektive geht es darum, im Unterricht eine Haltung auszubilden, mit der Schülerinnen und Schüler das Überarbeiten als selbstverständliche Tätigkeit beim Schreiben betrachten können. Ferner kann das Überarbeiten als didaktische Möglichkeit genutzt werden, um Lernprozesse im Schreiben und Überarbeiten anzustoßen (vgl. Hüttis-Graff/Jantzen 2012). Statt auf vermeintliche Unzulänglichkeiten in Texten aufmerksam zu machen, geht es vor allem darum, das textbezogene Können der Kinder anhand ihrer eigenen Prozesse und Produkte weiter auszudifferenzieren.
Überarbeiten gehört zum Schreiben
Im aktuellen Schreibprozessmodell nach Hayes (deutsche Übertragung Philipp 2015, S. 14; s. Abb. 2 ) wird die Komplexität des Schreibens in Form von drei Ebenen modelliert. Das Schreiben im engeren Sinne ist auf der Prozessebene angesiedelt und konstituiert sich durch die mentalen Prozesse des Vorschlagens (Proposer), Übersetzens (Translator), Niederschreibens (Transcriber) und Beurteilens (Evaluator). Das Beurteilen nimmt eine besondere Stellung ein, da es die Ergebnisse der anderen Teilprozesse hinsichtlich ihrer Angemessenheit überprüft. So können Ideen in den Köpfen der Schreibenden verändert werden, noch bevor sie...

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