1. – 6. Schuljahr

Überarbeiten fängt mit der Haltung an

Was Kinder schon können

Wenn das Überarbeiten in der Grundschule gefördert werden soll, dann steht die Entwicklung einer positiven Überarbeitungshaltung im Mittelpunkt. Dies ist eine Aufgabe für Kinder, aber ebenso für ihre Lehrerinnen und Lehrer.

Christoph Jantzen
Mit dem Modus des Überarbeitens haben Kinder am Schulanfang schon viele Erfahrungen gemacht: Sie korrigieren oder verändern etwas in ihren Bildern. Eltern verbessern eine falsche Aussprache oder einen grammatisch unkorrekten Satz. Kinder bauen ein Haus aus Legosteinen, das sie immer wieder umbauen, neu bauen, verändern, verbessern. Dabei führt nicht jede Überarbeitung zum Erfolg. Die Veränderungen können einem eigenen Gestaltungswillen entspringen oder von außen angestoßen werden. Einige Veränderungen haben eher spielerischen Charakter, andere erfolgen zielgerichtet. Durch vielfältige Erfahrungen in Elternhaus, Kita und freien Spielsitu-ationen sind Kinder in der Regel am Schulanfang auf die Textüberarbeitung vorbereitet.
In der Grundschule wird das Überarbeiten oft auf Rechtschreibkorrekturen begrenzt. Dies ist eine wichtige Funktion des Überarbeitens, jedoch nur ein kleiner Teil dessen, was Überarbeitungen leisten können und leisten sollen (s. Abb. 1 ). Sie dienen der Verbesserung von Texten, sind aber nicht nur Lernziel, sondern auch Teil eines Lernweges. Daher sollte von Anfang an auch das inhaltliche, stilistische und strukturelle Überarbeiten in den Blick genommen werden. Dafür gibt es nicht nur Richtigkeitsnormen, sondern die Überarbeitungen sind auf einer offenen Skala mehr oder weniger angemessen.
Überarbeiten wahrnehmen
Streichen Kinder in ihren Texten etwas durch und schreiben daneben, darüber, mit einem Sternchen oder einem Pfeil versehen die neue Version auf, sind Überarbeitungen für Kinder und Lehrkräfte leicht wahrzunehmen. Schwieriger wird es, wenn Kinder mit Radiergummi oder Tintenkiller arbeiten dann können wir zwar oft sehen, dass überarbeitet, aber nicht, was überarbeitet wurde.
Aus der Schreibforschung ist bekannt, dass der Modus des Überarbeitens untrennbar mit dem Schreibprozess verbunden ist und nicht erst nach Fertigstellung eines Textentwurfs einsetzt. Schon bei der Textentwicklung werden im Aufschreibprozess Wörter, Formulierungen und Sätze überarbeitet (vgl. Wrobel 2013).Auch Prätextrevisionen, also das Überarbeiten von Textteilen, die gedacht, aber noch nicht aufgeschrieben sind, sind Überarbeitungen: Joshua entwirft zwei Textalternativen im Kopf und will sich zwischen ihnen entscheiden (zu allen Kinderbeispielen s. Kasten und Abb. 2 – 6 ). Seine Strategie führt zur Streichung einer der beiden Alternativen, bevor er auch nur ein Wort aufgeschrieben hat (Abb. 2). Tim arbeitet während des Aufschreibens an einzelnen Buchstaben und Buchstabenformen (Abb. 3). Emilio hat eigentlich einen Anfang gefunden. Er verwirft die Schreibidee jedoch zunächst (er radiert sie weg), entscheidet sich dann aber, sie wieder neu aufzuschreiben (Abb. 4). Solche Überarbeitungen sind schwer zu beobachten, spielen jedoch bei Kindern im Grundschulalter eine wichtige Rolle. Sandro zeigt, dass ihm lange nach der Fertigstellung des Textes noch wichtig ist, etwas zu verändern (Abb. 6).
Im Unterricht sollten solche Überarbeitungsprozesse zunächst wahrgenommen werden: Bei der Beobachtung von Schreibprozessen, durch Nachfragen bei den Kindern oder auch in Gesprächen in kooperativen Schreibsituationen (vgl. Beitrag Bär in diesem Heft). Das Überarbeiten ist nicht nur Korrektur, sondern dient auch der Textentwicklung. So schreibt Elina zunächst einen Anfang, der sich eng an der Aufgabenstellung orientiert: Mein. Dann denkt sie nach. Ob sie schon eine weiterführende Schreibidee hatte, die sie verändern wollte, können wir nicht wissen. Wahrscheinlich nutzt sie die Arbeit am Buchstaben M, um mit ihrer Schreibidee weiterzukommen (Abb. 5). Dafür ist die Repräsentanz auf dem Papier relevant.
Lehrerinn...

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