1. – 6. Schuljahr

Schreiben nach Rezept

Man nehme Adjektive, Satzanfänge und wörtliche Rede

Um Texte zu überarbeiten, benötigt man Spracherfahrung und Sprachwissen. Manche Schülerin und mancher Schüler hat sich da schon ein einfaches, immer wieder anwendbares Rezept gewünscht. Ganz so einfach ist es nicht, denn wie man einen Text schreibt, hängt immer auch von seiner Funktion und Zielsetzung ab.

Claudia Rathmann
Das Überarbeiten von Texten ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich auf unterschiedlichen Ebenen vollzieht und erhebliche Teilkompetenzen verlangt (vgl. Jantzen 2012). So müssen die Schreibenden überprüfen, inwiefern das Geschriebene der eigenen Intention und auch der Schreibvorgabe entspricht (Beurteilungsfähigkeit), „überarbeitungswürdige Textstellen ausfindig machen und diese im Hinblick auf sprachliche Richtigkeit oder auch Angemessenheit durch alternative Formulierungen ersetzen (Alternativenkompetenz). Dafür benötigen sie ein hohes Maß an Spracherfahrung und Sprachwissen.
Kein Wunder also, dass Schülerinnen und Schüler gerne ein Rezept hätten, mit dem sie hier sicher zum Erfolg kommen können. Im Unterricht werden sie zwar meist nicht mit ganzen Rezepten, aber doch immerhin mit wichtigen Zutaten und Gewürzen bedient, so etwa den Hinweisen auf „anschauliche Adjektive, „wechselnde Satzanfänge und „wörtliche Rede.
Und doch ist das, was dabei herauskommt, oft wenig schmackhaft Sind die Zutaten also schlecht? Gehen wir sie am folgenden Beispiel einmal durch.
Vom Schreiben zum Kochen
Nehmen wir einmal an, Ihre Schülerinnen und Schüler erhalten die Aufgabe, ein Rezept für eine bekannte italienische Vorspeise zu schreiben. Als Ergebnis erhalten Sie den folgenden Text: Schneide die Tomaten und den Käse. Lege die Zutaten auf einen Teller. Würze alles mit einer Salatsauce. Lege einige Basilikumblätter dazu.
Zugegeben: Wer schon einmal Insalata Caprese (s. Abb. ) gegessen hat, wird auch mit dieser rudimentären Beschreibung wunderbar zurechtkommen. Für eine Kochanfängerin bzw. einen Kochanfänger bleiben allerdings einige Fragen offen. So wünscht man sich z.B. genauere Angaben zum Käse und zur Salatsauce.
Versuchen wir es also mit der ersten wichtigen Zutat für einen guten Text.
Man nehme anschauliche Adjektive
Folgende Überarbeitung könnte herauskommen:
  • Schneide die roten, sonnengereiften Tomaten und den zartschmelzend cremigen weißen Käse.
  • Lege die appetitlich duftenden Zutaten auf einen mit italienischen Ornamenten passend verzierten Teller.
  • Würze alles mit einer schmackhaften, herb-säuerlichen Salatsauce.
  • Lege einige grüne, aromatische Basilikumblätter dazu.
Mittlerweile läuft den Lesenden sicher schon das Wasser im Munde zusammen und doch wäre ich als Lehrkraft mit dem vorliegenden Text nicht zufrieden. Von einem Rezept erwarte ich, dass es kurz und präzise erklärt, mit welchen Zutaten und Arbeitsschritten ein Gericht hergestellt wird. Die ausgewählten Adjektive tragen nicht zu einer Präzisierung bei, sondern verlängern den Text nur und machen die Entnahme der relevanten Informationen schwieriger. Versuchen wir es mit der zweiten wichtigen Zutat für einen Text.
Man nehme wechselnde Satzanfänge
Eine entsprechende Überarbeitung könnte so aussehen:
  • Zuerst schneide die roten, sonnengereiften Tomaten und den zartschmelzend cremigen weißen Käse.
  • Dann lege die appetitlich duftenden Zutaten auf einen mit italienischen Ornamenten passend verzierten Teller.
  • Plötzlich würze alles mit einer schmackhaften, herb-säuerlichen Salatsauce.
  • Darauf lege einige grüne, aromatische Basilikumblätter dazu.
Hier markiert das unerwartete Hinzufügen der Salatsauce einen Wendepunkt in der Handlung. Unwillkürlich fragt man sich: Kommt die Sauce noch rechtzeitig, um das Gericht zu einem guten Ende zu bringen? Oder wird das überstürzte Würzen Folgen für den weiteren Verlauf des Prozesses haben? Der Text nimmt Fahrt auf allerdings fehlen nach wie vor wichtige Informationen, um den Salat herzustellen. Versuchen wir es...

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