3. – 4. Schuljahr

Gemeinsam schreiben mündlich überarbeiten

Von der Bedeutung des ersten Satzes

Wenn Kinder gemeinsam einen Text schreiben, kommt es im Gespräch über den herzustellenden Text zu vielen Überarbeitungen. Die mündlichen Überarbeitungen lassen sich schreibdidaktisch nutzen etwa, um die vielen Überlegungen, die hinter dem Text stehen, für die Autorinnen und Autoren selbst sichtbar zu machen.

Christina Bär
Texte werden oft schon überarbeitet, noch bevor der erste Buchstabe auf dem Papier geschrieben steht. Gerade der erste Satz ist im Vergleich zu anderen Sätzen im Text mit besonderen Herausforderungen verbunden, da noch nichts fixiert ist, an dem man sich orientieren kann: „Mit dem Textbeginn werden sowohl Grundkonstellationen der intendierten Kommunikations-situation festgelegt (z.B. Typisierungen von Schreiber und Rezipient) als auch Entscheidungen über die sprachliche Gestaltung, über syntaktische und thematische Fortsetzungsmöglichkeiten und die Gesamtstruktur des Textes getroffen. (Wrobel 1995, S. 121)
Das bedeutet, dass der erste Satz einen Einstieg ins Schreiben bildet, der folgenreich für den weiteren Fortgang des Textes ist und einen hohen Planungsaufwand erforderlich macht.
Gemeinsam am ersten Satz arbeiten
Das Überarbeitungspotenzial, das sich beim Schreiben des ersten Satzes eröffnet, lässt sich schreibdidaktisch nutzen etwa indem Kinder den ersten Satz ihres Textes gemeinsam formulieren (s. Abb. 1 ). In der Interaktion über den entstehenden Text werden die zahlreichen Überlegungen sichtbar, die Kinder zum ersten Satz anstellen. Darüber hinaus fordert die gemeinsame Schreibsituation zum Überarbeiten heraus, da Ko-Autorinnen und Ko-Autoren sich über ihre textbezogenen Überlegungen austauschen müssen.
Das Besondere beim gemeinsamen Schreiben besteht darin, dass die Textproduktion zunächst in einer mündlichen Produktions-situation stattfindet. Es entstehen mündliche Textentwürfe, die nicht nur häufig, sondern auch tiefgründig überarbeitet werden können.
Im Vergleich zu bereits niedergeschriebenen Texten haben mündliche Textentwürfe den Vorteil, dass sie nicht endgültig fixiert sind. Dennoch sind sie wahrnehmbar und damit dem gemeinsamen Austausch zugänglich bzw. bearbeitbar. Mündliche Textentwürfe sind ein Experimentierfeld für die gemeinsame Arbeit am Text. Kinder nutzen sie, um sich beim Schreiben auszuprobieren (vgl. Bär 2019, S. 224ff.).
Die schreibdidaktische Rahmung
Die hier vorgestellte Schreibstunde ist in eine größere Unterrichtseinheit eingebettet, bei der ein Büchertisch in der Klasse entsteht. Auf dem Tisch stellen die Kinder über mehrere Wochen hinweg selbst verfasste Zusammenfassungen aus. Sie entstehen auf Grundlage von Lieblingsbüchern, die von zu Hause mitgebracht werden, oder zu kurzen Texten, welche die Kinder aus einem Medienfundus in der Klasse auswählen können.
Die Zusammenfassungen werden von den anderen Kindern der Klasse gelesen und laden dazu ein, sich den Originaltext zum Selberlesen auszuleihen. Im Rahmen der Unterrichtseinheit können die Kinder einiges lernen, z.B. während des Schreibens die Adressatinnen und Adressaten mitzubedenken, die Wirkung der eigenen Texte zu überprüfen, Spezifika der Textsorte „Zusammenfassung zu erarbeiten oder wie in diesem Unterrichtsbeispiel präsentiert den Fokus auf die Überlegungen zu richten, die hinter dem ersten Satz stehen können. Überlegungen zum ersten Satz lassen sich auf unterschiedliche Weisen herausfordern:
  • durch Schreibaufgaben mit komplexen und bedeutsamen Inhalten (vgl. Dehn et al. 2011, S. 11)
  • durch Schreibkontexte, die sich an echte Adressaten und Adressatinnen richten
  • durch Schreibverfahren, in denen Schreibende in Interaktion über einen entstehenden Text geraten.
Ablauf der Unterrichtsstunde
Die Kinder sitzen im Kreis und hören Munro Leafs Erzählung „Ferdinand, der Stier, die von der Lehrkraft vorgelesen wird (s. Kasten 1
Die Geschichte von „Ferdinand, dem Stier
Die bereits 1936...

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