3. – 4. Schuljahr

Die Lektorenrunde

Ein kooperatives Rückmeldeverfahren zu Textentwürfen

Kinder sollen im Schreibunterricht ihre Textentwürfe überdenken und einen Blick für Textqualitäten entwickeln. Dafür ist es wichtig, über die Entwürfe zu sprechen und eine lernförderliche Rückmeldekultur in der Klasse zu etablieren. Dies ist in einer Lektorenrunde möglich. Angesetzt wird am individuellen Könnender Kinder, an ihrer Sicht auf Texte und ihren Vorerfahrungen.

Catrin Anderer und Claudia Baark
„Eine Lektorenrunde ist dafür gut, dass der Autor rausfindet, [...] was gut an seinem Text ist und was vielleicht nicht so. Die Lektoren helfen dabei. (Lilli, 4. Klasse)
Die Lektorenrunde ist ein kooperatives Lernarrangement, in dem die Schülerinnen und Schüler gemeinsam über Textentwürfe reflektieren und Rückmeldungen dazu formulieren. Drei bis vier Kinder beraten in einer Kleingruppe (sog. Lektorenteam) über den Textentwurf eines Mitschülers oder einer Mitschülerin.
Um eine unbefangene Auseinandersetzung mit dem Text zu ermöglichen, ist das Autorenkind während der Beratung nicht dabei. Die Rückmeldungen werden schriftlich auf einem sogenannten „Lektorenblatt festgehalten. Dies ist ein DIN-A3-Papier mit einem Textentwurf in der Mitte, um den herum viel Platz zum Schreiben ist (Abb. 1 ). Der Textentwurf selbst wird zuvor von der Lehrkraft rechtschriftlich korrekt abgetippt, damit für die Kinder anderes als die Rechtschreibung in den Blick gerät. Nachdem das Lektorenteam alle seine Rückmeldungen aufgeschrieben hat, wird dem Autorenkind sein Lektorenblatt als Ideengeber für die eigene Überarbeitung seines Textes überreicht.
In der Lektorenrunde wird die Aufmerksamkeit besonders auf das Gelungene in Texten gerichtet. Der Blick für Textqualitäten soll geschärft werden, damit die Kinder Anregungen für das Verfassen eigener Text erhalten. Dabei wird das Interesse an den Inhalten von Texten gestärkt und die Kinder erfahren, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, etwas in Worte zu fassen. Außerdem erfährt das Autorenkind durch die positiven Rückmeldungen eine Wertschätzung, die seine Schreibmotivation und seine Überarbeitungsbereitschaft auch für zukünftige Schreibprozesse unterstützt. Erst in einem zweiten Schritt wird darüber beraten, was die „Lektoren am Textentwurf für überarbeitungswürdig halten. Sie identifizieren entsprechende Textpassagen, überlegen, was die Probleme sind, und formulieren konkrete Überarbeitungsvorschläge (vgl. Jantzen 2010, S. 343).
Eine große Lernchance liegt in der Kooperation der Kinder: In der gemeinsamen Auseinandersetzung mit einem Schülertext lernen sie andere Sichtweisen auf Texte kennen; sie erfahren, was anderen Lesern an Texten gefällt. Laura, 4. Klasse, sagt das so: „Ich glaube, dass es gut ist, wenn man manchmal gemeinsam darüber spricht, wenn man andere Meinungen hört, die einem vorher gar nicht aufgefallen sind, zum Beispiel.
Eine begleitende Sammlung und Strukturierung mit der ganzen Klasse ergänzt die Lektorenrunde: Gemeinsam mit der Lehrkraft werden Rückmeldungen der Kinder zu Textstellen sortiert, z.B. sprachlich und inhaltlich, und evtl. auf einem Plakat festgehalten. Dies bietet Orientierung und dient als Hilfestellung für den Umgang mit Textentwürfen. Die Grundlage dieser Sammlung stellt also die Sicht der Kinder, ihr Blick auf Texte und ihre unterschiedlichen Perspektiven dar. Diese Übersicht hilft insbesondere den Kindern, die Schwierigkeiten beim Identifizieren von gelungenen und überarbeitungswürdigen Aspekten von Texten haben.
In der Arbeit mit der Lektorenrunde geht es nicht um den Einsatz von vorgegebenen Kriterienrastern (s. Beitrag Rathmann in diesem Heft). Sie könnten zu einem starren Ins-trument werden, das eher zu einem oberflächlichen Abarbeiten verleitet. Wichtig ist, dass allen Kindern ein individueller Zugang zum Text und eine tiefergehende Auseinan-dersetzung mit den Textqualitäten ermöglicht wird. Es erfordert von der Lehrkraft Zutrauen in das Können...

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