1. – 6. Schuljahr

Natascha Naujok

Texte inszenieren Texte erleben

Was die Bildungsstandards nicht berücksichtigen

Der vorliegende Beitrag fragt danach, was unter „Texte inszenieren verstanden werden kann und plädiert für eine weitere Auslegung, als die Bildungsstandards nahelegen. Im Fokus stehen hier die Entwicklung von Vorstellungsfähigkeit und das Erleben von Texten in Inszenierungen für Schülerinnen und Schüler.
Texte inszenieren
In der Deutschdidaktik ist mit „Texte inszenieren in aller Regel gemeint, dass Schülerinnen und Schüler eine Textvorlage in verteilten Rollen in Szene setzen. Gleichzeitig kann man von Inszenieren sprechen, wenn ein Text vorgelesen, vorgetragen oder frei erzählt wird. Zwar sind es im Deutschunterricht üblicherweise die Kinder, die Inszenierungen erarbeiten; ebenso möglich und sehr interessant sind aber auch Inszenierungen für Schülerinnen und Schüler. In jedem Fall geht es beim Inszenieren darum, einen Text in Raum und Zeit umzusetzen und so zum Leben zu erwecken.
„Text meint in diesem Zusammenhang üblicherweise eine schriftliche, literar-ästhetische Vorlage, sei es Prosa oder Lyrik. Das Umsetzen von Theaterskripten hingegen wird als darstellendes, szenisches oder Theater-Spiel bezeichnet.
Wer einen Text inszeniert, muss zum erzählten Stoff sowie der Erzählweise und -stimmung Vorstellungen bzw. Deutungen entwickeln und diesen eine neue Form geben. Dies wiederum regt die Rezipientinnen und Rezipienten des inszenierten Textes zu Imaginationen an. Das Inszenieren zielt immer darauf, (neue) Zugänge zu einem Text zu eröffnen.
Inszenierungen gehen insofern über schriftliche Textvorlagen hinaus, als sie multimodal und zumeist mehreren Sinnen zugänglich sind. Sie laden in besonderer Weise zu ästhetischem Erleben ein. So bieten sie auch denjenigen Zugänge an, die zum geschriebenen Text oder zum gesprochenen Wort allein kaum innere Bilder und Vorstellungen zu entwickeln vermögen.
Welche Hinweise lassen sich dazu in den Bildungsstandards finden?
Inszenieren, Erzählen und Imaginieren in den Bildungsstandards
Die dargestellten Überlegungen zum Inszenieren von Texten sind in den „Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich der Kultusministerkonferenz (KMK 2005) im Wesentlichen auf allgemeine Formulierungen beschränkt. In den Abschnitten „Kompetenzbereiche des Faches Deutsch und „Standards für die Kompetenzbereiche des Faches Deutsch kommt der Begriff inszenieren ein einziges Mal vor. Unter dem Kompetenzbereich „Lesen mit Texten und Medien umgehen erscheint er als ein Standard zum Erschließen von Texten. Die Formulierung lautet: „handelnd mit Texten umgehen: z.B. illustrieren, inszenieren, umgestalten, collagieren (KMK 2005, S. 12).
Das Erzählen wird zunächst bei der allgemeinen Beschreibung des Kompetenzbereichs „Sprechen und Zuhören erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit der Entwicklung einer demokratischen Gesprächskultur und der Erweiterung mündlicher Sprachhandlungskompetenzen (ebd., S. 8). Später wird es als eine mögliche Form des Standards „funktionsangemessen sprechen genannt (ebd., S. 10). Beide Male geht es um das Erzählen von Geschehenem im Alltag, nicht um Erzählen im literar-ästhetischen Sinn. Der dritte und letzte Fund zum Erzählen steht unter den Standards für den Kompetenzbereich „Lesen mit Texten und Medien umgehen, jedoch geht es dort lediglich um die Entwicklung von Textsortenkompetenz: „Erzähltexte, lyrische und szenische Texte kennen und unterscheiden (ebd., S. 12).
Imaginieren oder Imagination kommen nicht vor. Allerdings steht bei den Standards zum Kompetenzbereich „Lesen mit Texten und Medien umgehen unter der Rubrik „über Lesefähigkeiten verfügen: „lebendige Vorstellungen beim Lesen und Hören literarischer Texte entwickeln (ebd., S. 11). Nur in dieser einen Formulierung wird die oben dargelegte literar-ästhetische Perspektive erkennbar.
Insgesamt werden Inszenieren, Erzählen und Imaginieren sowie ihre multimodalen und...

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