1. – 6. Schuljahr

Michael Sommer

Spieltrieb

„Weltliteratur to go: Literatur inszenieren mit Playmobil-Figuren

„Hast du als Kind nicht genug gespielt? Das ist eine Frage, die ich häufig höre, denn ich bin 43 Jahre alt und spiele ziemlich oft mit Playmobil. Nein, ich bin kein Sammler, mein eigenes Playmobil aus der Kindheit muss bei Neffen oder Nichten gelandet sein; der Grund für meine Spielleidenschaft ist, dass ich seit fünf Jahren jede Woche ein Werk der Weltliteratur mit Hilfe von Playmobilfiguren in Form eines etwa zehnminütigen YouTube-Videos zusammenfasse.
Für Kinder ist Spielen die natürliche Form der Weltaneignung und des Lernens; Erwachsene spielen weniger, aber immerhin Theater. Verspielt wie ich bin, war es wahrscheinlich mein Schicksal, irgendwann als Dramaturg an einem Theater zu landen, um hier mit Texten und insbesondere an der Vermittlung von Kunst und Literatur zu arbeiten. Sowohl Theater als auch Literatur haben oft ein verstaubtes Image; besonders für junge Menschen sind sie alles andere als cool oder unterhaltsam. Ich habe mich in meiner Arbeit als Dramaturg deshalb intensiv mit der Frage beschäftigt, wie man über diese alten Kunstformen so kommunizieren kann, dass sie für uns heute relevant werden. Die Reihe „Sommers Weltliteratur to go war dabei ein „Abfallprodukt, dessen Prototyp zufällig bei einer Einführungsveranstaltung zu Georg Büchners Klassiker „Dantons Tod im Jahr 2013 entstand.
Beihilfe zur Buchvermeidung oder Leseförderung?
Vor allem Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe sowie Studierende nutzen meine Videos als Einstieg in ein Werk („Super, jetzt muss ich das Buch nicht mehr lesen.) oder zur Wiederholung vor Prüfungen („Ehrenmann! Du hast mein Abi gerettet!). Natürlich lese ich solche Kommentare mit gemischten Gefühlen. Ich helfe gern, aber ein zehnminütiges Video soll für die Abiturprüfung reichen? Verhindern YouTube-Videos wie meine, dass junge Menschen Bücher in die Hand nehmen? Im Einzelnen mag dies der Fall sein. Andererseits zeigen Untersuchungen wie die jährliche JIM-Studie, dass der Anteil der Nichtleser unter den 12- bis 17jährigen (zumindest in der Freizeit) seit zwölf Jahren ziemlich stabil bei 17,5% liegt – daran haben auch die Verbreitung von YouTube und Smartphones (noch) nichts geändert. Anders gesagt: Nichtleser hat es schon immer gegeben, früher haben sie sich eben anderer Vermeidungsstrategien bedient als heute. Auf der Pro-Seite lese ich immer wieder auch Kommentare wie: „Ein herrlicher Kanal, der Lust aufs Lesen macht! oder „Ich wollte mich einfach mal bedanken für die gute Unterhaltung und die vielen Leseanregungen. Das ist dann wohl Imagewerbung für Literatur, eine Wirkung, über die ich mich freue.
Literatur erspielen
Neben dem praktischen Nutzen meiner Videos für Schülerinnen und Schüler und der Imagewerbung für alte Schinken haben die Playmobil-Literaturvideos aber auch eine didaktische Dimension. Viele Lehrkräfte setzen meine Videos im Unterricht ein und einige lassen sich, zu meiner großen Freude, von der Machart dazu inspirieren, mit ihren Schülerinnen und Schülern selbst kreativ zu werden und literarische Werke oder Teile davon als elektronisches Figurentheater zu inszenieren. Die Idee dabei ist einfach: Schon immer waren crossmediale Adaptionen ein elementares Werkzeug der pädagogischen Bearbeitung von literarischen Werken. Es fängt mit der gestischen Umsetzung von Kinderliedern in der KiTa an, reicht über Märchen- und Krippenspiele bis hin zu elektronischen Projekten wie einer Twitter-Version von „Effi Briest in der gymnasialen Oberstufe.
Universalwerkzeug Smartphone
Nun leben wir seit einigen Jahren im Zeitalter des Smartphones; Kinder und Jugendliche (genauso wie Erwachsene) verbringen unglaublich viel Zeit mit den Geräten. Es ist daher nicht nur naheliegend, die Faszination der Handys zu nutzen, sondern auch medienpädagogisch sinnvoll, sie für die aktive und kreative Gestaltung von eigenen Medienprodukten zu...

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