1. – 6. Schuljahr

Andrea Bertschi-Kaufmann

Lesen geht durch den ganzen Körper

Die Bedeutung der Körperlichkeit beim Lesen

Lesen ist ein kognitiver und emotionaler Akt, der den ganzen Körper einbezieht. Welche Chancen bietet es, sinnliche Erfahrungen im Umgang mit literarischen Texten anzuregen und zur Sprache zu bringen?

Denken und Fühlen: zwei Seiten des Lesens
„Wenn ich lese, sind so viele Gedanken in meinem Kopf, so hat Dominique, ein Junge im 3. Schuljahr, erklärt, weshalb er Lesen als anregende Tätigkeit empfindet. In seiner Erfahrung ist es die Stimulation des Denkens, für die sich das Lesen lohnt. Tatsächlich gilt Lesen auch in der aktuellen Diskussion rund um die Lesekompetenz als eine kognitive Leistung (Artelt et al. 2007). Dass aber auch Emotionen und die Motivation einen großen Anteil am Lesevorgang haben und dass auch von ihnen abhängt, wie gut jemand Texte versteht, das ist von der Lesepsychologie ebenso wenig bestritten. Lesen gilt als kognitiver und zugleich als emotionaler Akt. Und wenn die Leseforschung jene Vorgänge in den Blick nimmt, mit welchen die Lesekompetenz erworben wird, dann wird deutlich auch die Bedeutung der sozialen Dimension des Lesens hervorgehoben (Groeben 2004). Leseverstehen entwickelt sich in der Kommunikation mit anderen.
Lehrerinnen und Lehrer, die ein Verständnis haben sowohl für die Denkprozesse als auch für das Empfinden, welche beim Lesen verlangt werden, sind dabei hilfreiche Partner der Kinder. Sie sind die kompetenten Anderen, mit denen Kinder sich über Bedeutungen verständigen, ihre Vorstellungen zum Gelesenen austauschen oder das Gelesene spielerisch nachahmend zeigen und ihr Verständnis vom Text dabei je nachdem auch korrigieren können. Lesen ist also ein Sprachhandeln, welches nicht nur seinen sprachlichen, sondern auch einen paraverbalen Ausdruck findet. Beim Ausgestalten der Lektüren mit der eigenen Stimme und mit Gesten, beim Herstellen von Skizzen zu einem Text, beim Aufzeichnen der Stationen, denen entlang eine Figur durch ihre Geschichte hindurch gegangen ist, beim Nachspielen einer Szene ist zusammen mit der Sprache immer auch der Körper beteiligt. Es lohnt sich deshalb, über den Anteil des Körperlichen am Vorgang des Lesens nicht nur nachzudenken, sondern den Körper auch innerhalb der Leseförderung stark zu beachten.
Der Körper in der Geschichte des Lesens
Dass die körperliche Erfahrung eine wichtige Rolle für das Leseverstehen spielt, ist seit Langem bekannt. So wird in der Geschichte des Lesens vielfach aufgezeigt, in welcher Weise Leseprozesse zumindest seit dem 18. Jahrhundert ihren körperlichen Ausdruck fanden (Schön 1987). Insbesondere galt das Lesen in der Natur als ideal für ein intensives Erleben sowohl der Natur als auch der Lektüre. Auch noch im 19. Jahrhundert fand man wichtig, den Körper beim Lesen in einer anregenden Umgebung zu platzieren, ihn beim lauten Lesen einzusetzen und weiter auch mit Bewegungen, welche den Textinhalt nachahmten. In geselligen Lesekreisen, den sogenannten Salons, und in der bürgerlichen Familie waren gemeinsame Lektüren üblich. Zuhören, Vortragen und Vorspielen geschahen im wechselseitigen Rollentausch. Körpererfahrung war also Teil und zugleich Mittel des gemeinsamen Lesens.
Berichte vom lesenden Kind, das sich mit seinem Buch an einen unbeobachteten Ort zurückzieht, sind seit dem 19. Jahrhundert gängig. Der Garten oder der Dachboden waren die dafür besonders beliebten Rückzugsorte. Parallel dazu setzt sich allerdings eine gegenteilige lesepädagogische Tendenz durch, nach welcher eine gerade Sitzhaltung und das ausdauernde Verharren auf einem eigens dafür angefertigten Lesestuhl eingeübt wird. Damit ist vorbereitet, was bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in unseren Schulen gelten wird: Die Kinder sollen beim Lesen eine arbeitshafte Haltung einnehmen, körperlich reglos und sich an das stille Lesen gewöhnend. Bis in die 1980er Jahre empfiehlt die Lesedidaktik das Lesen im Klassenverband;...

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