1. – 6. Schuljahr

Kaspar H. Spinner

Kinder auf dem Weg zum Inszenieren von Texten

Vom Lautspiel zur Theateraufführung

Kinder erfahren das Inszenieren von Texten vom Kleinkindalter an rezeptiv und produktiv, z.B. als Lieder, als vorgelesene Geschichten, als gefilmte und selbst nachgespielte kleine Szenen. Literarische Sozialisation ist so mit verschiedenen Formen der Inszenierung verknüpft.

Einen Text inszenieren, das heißt, ihn lebendig werden lassen; Schrift wird zu Laut, zu Bewegung, zu Interaktion, zu sichtbarer Szene, erhält Präsenz im Raum. Die Vollform der Inszenierung ist die Theateraufführung. Aber auch schon das laute Lesen eines Textes kann als eine Inszenierung bezeichnet werden der stumme Text wird hörbar gemacht.
Erfahrungen beim Vorlesen und Theaterbesuch
Früh schon erfahren Kinder als Rezipienten inszenierte Texte, wenn ihnen vorgelesen wird oder wenn sie im Fernsehen oder auf dem Smartphone gefilmte Szenen anschauen. In Vorlesesituationen wird ein Text nicht nur stimmlich inszeniert, sondern bereits die Situation hat in der Regel einen Inszenierungscharakter: Sie ist abgegrenzt vom gewöhnlichen Tagesablauf, etwa durch Aufforderungen wie „Komm, setz dich zu mir, ich lese dir was vor oder durch eine Ankündigung wie „Jetzt zünde ich eine Kerze an und lese eine Geschichte vor. Das sind Signale dafür, dass jetzt eine besondere Situation und Atmosphäre geschaffen wird. Entsprechendes gilt für die Großformen von Inszenierungen wie Theateraufführungen, wo z.B. repräsentative Theaterbauten, prachtvolle Foyers oder auch nur ein aufgehender Vorhang den Eindruck von Inszenierung und damit Erwartung auf das Kommende schaffen. Selbst wenn man für einen Theaterbesuch ein besseres Kleid anzieht, kann das als Teil des Inszenierungscharakters eines Theaterabends verstanden werden. Zur Inszenierung gehört meist auch Ritualisierung, z.B. das Klingeln im Theater, das immer dann ertönt, wenn man sich allmählich in den Saal begeben soll, oder das Sitzen am Boden oder im Stuhlkreis, das in manchen Kindergärten und Schulen gewohnheitsmäßig zur Vorlesesituation gehört. Auch dass eine Gutenachtgeschichte vorgelesen wird, erwarten manche Kinder als ein Ritual, das eingehalten werden soll.
Wenn man sich so die literarische Sozialisation von Kindern vor Augen führt, dann wird einem bewusst, wie sehr sie als eine Folge von Inszenierungen erfahren wird. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bei Studien zur Lesesozialisation, in denen nach frühen Leseerlebnissen gefragt wird, von den Probanden manchmal nur Vorlesesituationen und nicht bestimmte Texte oder ihr Inhalt genannt werden. Zwei Beispiele mögen das veranschaulichen:
  • „Als ich selbst noch nicht lesen konnte, hat mir meine Oma immer Märchen vorgelesen. Ich erinnere mich eher an die Gemütlichkeit, an sie gekuschelt vorgelesen zu bekommen, als an den Inhalt.
  • „Märchen wurden mir von meiner Mutter vorgelesen. Meist abends im Bett. Am schönsten war es, nachdem ich in der Badewanne gewesen bin und alles gut gerochen hat. (Zitate aus meinem Korpus zu Erinnerungen von Studierenden)
So ist die Erfahrung von Literatur für viele Kinder von Anfang an mit besonderer Inszenierung verbunden.
Bilderbücher und Verfilmungen als Inszenierungen
Neben dieser äußeren Inszenierung durch Situation, Stimme und Spiel kann man auch von einer inneren Inszenierung literarischer Texte sprechen: In der Imagination werden Texte lebendig; aus Lauten, Wörtern, Sätzen bildet man beim literarischen Verstehen Vorstellungen; man begibt sich virtuell in einen anderen Raum. Man kann sogar sagen, dass Literatur immer schon Inszenierung ist, nämlich Inszenierung einer fiktiven Welt für die Imagination der Lesenden und Zuhörenden.
Bei Kindern können Bilderbücher die Entwicklung der Vorstellungsfähigkeit unterstützen. Bilderbücher zeigen, wie Geschriebenes zu Bildern werden kann, und bieten so Vorgaben für die Imagination. Das Aufschlagen eines Bilderbuches ist, so gesehen, vergleichbar...

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