3. – 4. Schuljahr

Axel Felser

„Hörst du, wie die Flammen flüstern

Das Gedicht „Das Feuer von James Krüss inszenieren

Sprache, insbesondere in lyrischen Texten, lebt von einem abwechslungsreichen Vortrag. Durch einen darstellerischen Zugang erhalten Kinder die Möglichkeit, Sprache zum Leben zu erwecken und tiefer in lyrische Texte einzutauchen.

Lyrik bzw. lyrische Textformen, wie Lieder, Abzählverse und Reime, sind Kindern oftmals aus ihrer Vorschulzeit bekannt. Im Deutschunterricht der Grundschule tritt neben diese mündlichen Erfahrungen häufig das schriftliche Erleben von Lyrik, bei dem der Fokus auf sprachlichen Strukturen, wie Reimschema, Rhythmus, Wiederholungen und sprachlichen Bildern liegt (vgl. Spinner 2015; Becker 2015).
Um jedoch nicht allein bei dieser analytischen Begegnung mit lyrischen Texten stehen zu bleiben, bietet es sich an, Gedichte in einem handlungs- und erfahrungsorientierten Unterricht erlebbar und spürbar zu machen. Rathmann und Wildemann (2015) weisen allerdings mit Nachdruck darauf hin, dass es dabei weniger um die Gestaltung von Produkten gehe als vielmehr darum, eine originäre „Begegnung von Text und Rezipient zu gestalten, bei der die Gedichte in ihrer Besonderheit als poetische Texte wahrgenommen werden (vgl. ebd., S. 12).
Die Anforderung, einen lyrischen Text betont oder lebendig vorzutragen, stellt für Kinder allerdings oft eine große Herausforderung dar. Denn häufig ist ihnen nicht klar, wie diese lebendige Vortragsweise aussehen kann (vgl. Lösener 2012). Das szenische Spiel bietet die Möglichkeit, durch Nachspüren und Einfühlen bewegte Sprechsituationen zu schaffen und bei den Kindern innere Bilder entstehen zu lassen.
„Das Feuer von James Krüss
Prinzipiell ist (fast) jedes Gedicht für eine produktive Begegnung mit Sprache geeignet. Allerdings bieten sich für einen handlungsorientierten Zugang vor allem Gedichte an, die allein schon durch den Inhalt unterschiedliche Sinneserfahrungen beschreiben und somit bereits konkrete sprachliche Beispiele bereithalten.
Das Gedicht „Das Feuer von James Krüss (s. Kasten) bietet einen reichhaltigen sprachlichen Schatz, um innere Bilder und das emotionale Eintauchen in Sprache zu ermöglichen.
KASTEN
KASTEN
Das Feuer
Hörst du, wie die Flammen flüstern,
Knicken, knacken, krachen, knistern,
Wie das Feuer rauscht und saust,
Brodelt, brutzelt, brennt und braust?
Siehst du, wie die Flammen lecken,
Züngeln und die Zunge blecken,
Wie das Feuer tanzt und zuckt,
Trockne Hölzer schlingt und schluckt?
Riechst du, wie die Flammen rauchen,
Brenzlig, brutzlig, brandig schmauchen,
Wie das Feuer, rot und schwarz,
Duftet, schmeckt nach Pech und Harz?
Fühlst du, wie die Flammen schwärmen,
Glut aushauchen, wohlig wärmen,
Wie das Feuer, flackrig-wild,
Dich in warme Wellen hüllt?
Hörst Du, wie es leiser knackt?
Siehst du, wie es matter flackt?
Riechst du, wie der Rauch verzieht?
Fühlst du, wie die Wärme flieht?
Kleiner wird der Feuerbraus:
Ein letztes Knistern,
Ein feines Flüstern,
Ein schwaches Züngeln,
Ein dünnes Ringeln
Aus.
James Krüss
Quelle: James Krüss: „Der wohltemperierte Leierkasten: Gedichte für Kinder,Erwachsene und andere Leute , cbj Verlag, 2013, Seite 30, ISBN 978-3570155127
In sechs Strophen mit jeweils vier bzw. einmal fünf Versen wird die Wirkung des Feuers auf die Sinne thematisiert. Dazu gehören das Hören, das Sehen, das Riechen, das Fühlen und zum Schluss erneut das Hören. Durch die verwendeten Paarreime werden die Sinneserfahrungen eindrucksvoll miteinander verbunden.
Das Gedicht kennenlernen
Je nach technischer Ausstattung oder Intention kann als Stundeneinstieg entweder das (bewegte) Bild eines Feuers präsentiert werden (z.B. an der Tafel) oder aber mittels einer Fantasiereise („Ein Abend am Lagerfeuer, Abb. ) vor dem inneren Auge der Kinder entstehen. Im Unterrichtsgespräch äußern die Schülerinnen und Schüler erste Begriffe wie Wärme oder Geborgenheit, um ihre Eindrücke zu beschreiben. Dies dient auch als...

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