1. – 3. Schuljahr

Timm Albers

Vom Lesen zum Erzählen

Sprachlehrstrategien im Unterricht

Wie lässt sich sprachliche Bildung konkret im Unterrichtsalltag fördern? Etwa indem die Lehrerin die Äußerungen der Kinder sensibel begleitet und sie so dabei unterstützt, ihre narrativen Kompetenzen zu entwickeln. Einige der Strategien, die beim dialogischen Lesen helfen, werden hier vorgestellt.

Dialogisches Lesen
Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen frühen Erfahrungen mit Büchern und dem späteren Sprach- und Schriftspracherwerbsprozess. Deshalb stellt der möglichst frühzeitige Kontakt mit Bilderbüchern einen entscheidenden Vorteil für den Schulerfolg derjenigen Kinder dar, denen regelmäßig vorgelesen wurde (Neuman 2007). Auch wenn der Grundstein für das Interesse der Kinder an Sprache in der Familie gelegt wird, übernehmen Lehrerinnen und Lehrer in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion, indem sie das Interesse an Sprache aufgreifen, aufrechterhalten und vertiefen.
Beim dialogischen Lesen steht die Beteiligung der Kinder an der gemeinsamen Bilderbuchbetrachtung im Vordergrund. Der Vorteil dieser Interaktionsform besteht darin, dass die Lehrerin oder der Lehrer individuell und flexibel auf die Fragen und Interessen der Schülerinnen und Schüler eingehen kann. Die Erfahrungen, die Kinder beim dialogischen Lesen sammeln, stellen eine wichtige Grundlage für die Erweiterung ihrer Erzählkompetenz dar. Lehrerunabhängige Situationen des dialogischen Lesens können in heterogenen Lerngruppen etabliert werden, indem fortgeschrittene Leserinnen und Leser durch die Geschichten führen und darauf achten, die Dialogpartner aktiv einzubeziehen.
Wenn dagegen die Lehrerin oder der Lehrer den Austausch über eine Geschichte strukturiert, bietet es sich an, mit spezifischen Sprachlehrstrategien zu arbeiten, die die Kinder zum Erzählen herausfordern (Albers 2015):
Offene Fragen: Fragen, die nicht durch Zeigegesten oder nicht einfach mit Ja oder Nein beantwortet werden können, sondern längere Antworten herausfordern
Erweiterte W-Fragen zur Unterstützung des analytischen Denkens: Warum macht die Hauptfigur das?
Erinnerungsfragen: Kannst du dich daran erinnern? Was hat er gemacht?
Bilder als Erzählanlass nutzen
Kindliche Äußerungen erweitern, Vermutungen zum Verlauf äußern
Auffordern, die Geschichte nach- und weiterzuerzählen
Geschichten erzählen mit König und Schweinchen
Im Unterricht werden verlässliche Erzählzeiten etabliert, in denen die Kinder vielfältige Möglichkeiten für Gespräche miteinander haben, sich über ihre Ideen und Meinungen austauschen und mit- und voneinander lernen. Die Kinder haben zudem Zeit für einen kreativen und spielerischen Umgang im Sprechen und erfahren so das Sprechen als Gegenstand ihrer Entdeckungen und aktiven Auseinandersetzung.
Aufbauend auf den Erfahrungen beim dialogischen Lesen bietet das Erfinden eigener Geschichten dabei eine idealtypische Möglichkeit, diesen Kompetenzbereich zu fokussieren. Im Folgenden stelle ich eine Unterrichtssequenz vor, bei der die Orientierung der Schülerinnen und Schüler an einem basalen Erzählschema im Vordergrund steht: Wie beginnt die Geschichte? Was passiert Überraschendes? Wie endet die Geschichte?
Die Methode greift die Idee der „Serviettenmärchen von Kohl und Ritter (2010) auf und ergänzt sie um Sprachlehrstrategien, mit denen die Lehrerin oder der Lehrer die Kinder in ihren sprachlichen Äußerungen unterstützen kann. Zur Aktivierung der Vorerfahrungen mit dem Erzählschema präsentiert die Lehrerin die Rahmenhandlung der Unterrichtsstunde.
Kinder als Geschichtenexperten
Die Kinder werden als Experten für Geschichten gefragt, was an einer Geschichte wichtig ist. Ihre Antworten werden gesammelt und an der Tafel drei zentrale Fragen zur Struktur einer Geschichte notiert:
Was passiert am Anfang der Geschichte?
Was passiert Überraschendes?
Wie endet die Geschichte?
Aus dem großen Erzählsack fischt sich nun jedes Kind einen Erzählbeutel. Die Beutel enthalten die...

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