3. – 4. Schuljahr

Claudia Rathmann

„So möchte ich auch schreiben können

Fremde Schriften entdecken

Angeregt von einem Gedicht in chinesischen Schriftzeichen beginnen die Kinder, die fremden Zeichen abzuschreiben und damit zu experimentieren. Und werden so zu begeisterten Schrift-Erkundern.

Mit einem Gedicht fängt alles an
Wie jeden Montag lesen wir nach dem Erzählkreis das „Gedicht der Woche aus dem „Arche Kinderkalender. Und wie immer lauschen die Kinder gespannt, in welcher Sprache das Gedicht sein wird. Das Besondere an diesem Kalender ist nämlich, dass die internationalen Texte nicht nur auf Deutsch, sondern auch in der Originalsprache abgedruckt werden. Wann immer ich diese Sprache lesen kann, präsentiere ich das Gedicht zunächst im Original und lasse die Kinder vermuten, worum es gehen könnte oder was einzelne Worte bedeuten könnten.
An diesem Montag aber muss ich passen, denn chinesische Schriftzeichen zu entschlüsseln beherrsche ich nicht. So lese ich den Text also auf Deutsch, zeige den Kindern aber zumindest, wie er in der fremden Schrift aussieht (Abb. 1 ). Sie sind begeistert. „So schön möchte ich auch mal schreiben können, schwärmt Fiona, und die anderen stimmen ihr zu. „Oder so wie Muhammed, ergänzt Leon. „Das sieht auch viel schöner aus als Deutsch. Muhammed kommt aus Syrien, ist dort aber nicht vollständig alphabetisiert worden. Allerdings kann er einige Zeichen und Wörter schreiben, und wenn wir ein arabisches Gedicht im Kalender haben, dann bitten wir ihn, es zu Hause mit seiner Schwester zu üben und uns vorzulesen. Auch Sonai und Shaad aus Afghanistan oder Betu aus Eritrea zeigen uns manchmal, wie Wörter in ihrer Schrift aussehen. Insofern ist Fionas Vorschlag eigentlich naheliegend: „Wir könnten doch mal einen ganzen Tag in anderer Schrift schreiben.
Ein Tag für die Schrift
Die anderen Kinder sind begeistert und hartnäckig. Immer wieder werde ich gefragt, wann denn nun der Schrifttag sei. Und so entscheide ich mich, das große Interesse meiner Schülerinnen und Schüler aufzugreifen und einige Angebote zu „fremden Schriften zu entwickeln.
Meine Wahl fällt auf die Sprachen Chinesisch, weil das chinesische Gedicht den Stein erst ins Rollen gebracht hat, und für Arabisch, weil einige Kinder meiner Klasse diese Schrift zumindest kennen und zum Teil beherrschen. Zu jeder Schrift können die Kinder vier verschiedene Angebote erledigen, die ich räumlich getrennt in der Klasse deponiere. Auf der Fensterbank finden die Kinder in gelben Ablagekörbchen Informationen und Aufgaben zur chinesischen Schrift (M1 ). Gegenüber, auf dem Regal unter der Hausaufgabentafel, sind die Angebote zur arabischen Schrift in roten Ablagekörbchen gesammelt (M2 ). Neben kurzen Informationstexten zu den Besonderheiten der einzelnen Schriften umfassen die Angebote vor allem produktive Aufgaben, bei denen die Kinder verschiedene Schriftzeichen ausprobieren und mit unterschiedlichen Schreibwerkzeugen gestalten können. Denn das war ja ihr Wunsch gewesen: So möchten wir auch einmal schreiben können.
Im Einzelnen können die Kinder aus verschiedenen Angeboten wählen (s. Tabelle ).
Schreiben mit besonderen Zeichen
Zum Einstieg in unseren Schrifttag präsentiere ich die folgenden Wörter auf Papierstreifen an der Tafel:
Die meisten Kinder wissen sofort, dass diese Schrift die arabische sein muss. Um die Bedeutung herauszufinden, brauchen wir allerdings Muhammeds Hilfe. Er übersetzt für uns: Grundschule, Fuchs, Wölkchen. Die letzten beiden Wörter sind die Namen der beiden Klassentiere (Abb. 2 ). Wie fremd und geheimnisvoll die vertrauten Namen auf einmal aussehen, und so elegant. Ob es uns auch gelingen würde, so zu schreiben?
Für die Kinder ist keine weitere Motivation nötig. Sie wollen nun endlich beginnen. So ergänze ich nur kurz einige organisatorische Anmerkungen und teile die Klasse in zwei Hälften. Während die am Fenster sitzende Gruppe zunächst mit den Aufgaben zur chinesischen Schrift beginnen soll,...

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