1. – 6. Schuljahr

Karin Vach

Schrift entdecken und gestalten

Das Medium Schrift sinnlich erfahren

Nach wie vor ist der Schrifterwerb ein zentrales Ziel schulischer Bildung. Dieses Heft nimmt vor allem die kulturell-ästhetischen Dimensionen der Schrift und des Schreibens in den Blick: Schriften in verschiedenen Kulturen und Praktiken sowie vielfältige Aspekte rund ums Schreiben, Drucken und Gestalten.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Erfahrungen und Wissen aus Geschichte und Gegenwart, aus der Wissenschaft, der Religion oder dem Recht in Texten niedergelegt sind und aus Texten entnommen werden. Für ihren kulturellen Erhalt und ihre Weiterentwicklung sind literale Gesellschaften auf die systematische Schriftvermittlung in der Institution Schule angewiesen (vgl. Feilke 2011, S. 5). Mit diesem Themenheft wollen wir einen weiten und vielfältigen Zugang zum Medium Schrift eröffnen und Schrift in geschichtlicher, kultureller und ästhetischer Hinsicht betrachten. Es geht uns auch um die persönliche Bedeutung der Handschrift und um die typografische Gestaltung von Drucksachen in Geschichte und Gegenwart.
Obwohl der Schrifterwerb zu den zentralen schulischen Aufgaben zählt, ist die Zahl der funktionalen Analphabeten mit 7,5 Millionen immer noch zu hoch (vgl. die leo.-Level-One-Studie 2011, vorgelegt von Grotlüschen/Riekmann 2012). Dass Schrift und Schreiben mit einem sinnlichen Erleben verbunden sind und Freude machen können, ist eine besonders wichtige Erfahrung für Kinder, die mit dem schulischen Schreiben vor allem Leistungsdruck und Versagensangst verbinden. Mit dem Themenheft gehen wir von einem umfassenden Verständnis des Mediums Schrift aus und wollen den Blick auf Angebote lenken, die mitunter ganz niedrigschwellig den Schreibunterricht bereichern und ergänzen können.
Zur Geschichte der Schrift
Auf die Menschheitsgeschichte bezogen, tritt die Schrift erst relativ spät auf. Sie gilt als eine der wichtigsten Erfindungen: Mittels vereinbarter Zeichen ist es möglich, Informationen festzuhalten und relativ zuverlässig über Generationen und Räume hinweg zu übermitteln. Dabei ist nicht zu vergessen, dass es bis heute Volksgruppen gibt, bei denen sich andere Formen der Überlieferung bewährt haben. So geben etwa die Aborigines ihre Geschichten weiterhin mündlich oder die Warli in Bildern weiter, obwohl sie durchaus Schrift kennen.
Die ältesten Schriftfunde stammen von dem Ort Uruk, ursprünglich in Mesopotamien, und sind auf das 4. Jahrtausend v. Chr. datiert. Herkömmlich wird diese Region als Wiege der Schriftkultur betrachtet, wenngleich die Idee, Schrift zu verwenden, unabhängig auch in anderen Teilen der Welt (vgl. Ägypten, Indien, China, Mittelamerika) entstanden ist.
Neuere Forschungen zeigen sogar, dass bereits 1000 Jahre früher in Südosteuropa auf dem Balkan Vorläufer-Schriften verwendet wurden. Die Symbolzeichen der sogenannten Vinča-Kultur (benannt nach dem Hauptfundort in der Nähe von Belgrad), die auf Gegenständen an Kult- und Begräbnisstätten entdeckt wurden, legen eine religiöse Funktion nahe und lassen vermuten, dass sie der Kommunikation zwischen Menschen und Gottheiten dienten. Mit den kulturellen Umwälzungen in dieser Region, die durch die Einwanderung indogermanischer Stämme ausgelöst wurden, brach auch die Schriftentwicklung um 3500 v. Chr. ab. Erst später, angestoßen durch die Impulse, die von den Sumerern in Mesopotamien ausgingen, kam in Europa die Schriftentwicklung wieder in Gang (vgl. Haarmann 1991, S. 70ff.).
Schrift und Laut
In den Anfängen waren Schriftzeichen noch nicht mit der Lautstruktur der gesprochenen Sprache verknüpft. So handelt es sich bei den Zeichen auf den altchinesischen Orakelknochen aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. um Wort- bzw. Ideenschriften. Begriffliche Inhalte wurden hier durch die Schrift fixiert, die Zeichen standen für einzelne Wörter. Daraus können jedoch keine Rückschlüsse gezogen werden, wie das Chinesische in jener Zeit gesprochen wurde (ebd.,...

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