3. – 4. Schuljahr

Bettina Uhlig

Das Geheimnis des Drachenwesens

Schreiben und zeichnen zu mittelalterlichen Kunstobjekten

Für Kinder sind Schreiben und Zeichnen eng miteinander verbunden. Werden sie sinnvoll miteinander verknüpft, kann das Kindern besondere Zugänge eröffnen. Zum Beispiel in der schreibenden und zeichnenden Erkundung eines fremden Wesens ausgehend von einer „Leerstelle, die gefüllt werden wollte.

Schreiben und Zeichnen sind eng verwandt. Beide sind Formen der Entäußerung, Formung, Darstellung von Gesehenem, Gedachtem, Gefühltem. Im Zeichnen wie im Schreiben werden Wissensstände erzeugt, geordnet und festgehalten. Es sind Artikulationsweisen, die etwas sichtbar und damit auch für andere nachvollziehbar und zugänglich zu machen. Schreiben und Zeichnen werden erlernt. Sind sie im frühen Kindesalter noch eng aufeinander bezogen, bilden sie sich später zunehmend als eigenständige Handlungsformen und Kulturtechniken heraus.
Spätestens mit Schuleintritt gehören Schriftspracherwerb und Bilderwerb (bildende Kunst, Umgang mit Bildern) sowohl aus dem Blickwinkel von Kindern als auch aus dem Blickwinkel von Schule unterschiedlichen Domänen an, die (leider) wenig miteinander zu tun haben. Dabei können Schreiben und Zeichnen sinnvoll aufeinander bezogen und miteinander verknüpft werden. Für viele Kinder bietet die Überlappung von Zeichnen und Schreiben eine besondere Chance, weil die eine Handlungsform die andere kompensieren und ergänzen kann. Davon können sowohl schreib- als auch zeicheninteressierte Kinder profitieren.
Eine jahrgangsübergreifende Lerngruppe (zehn Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren) arbeitet gemeinsam in einer „Forschergruppe des Bilddidaktischen Forschungsstudios (kurz: Bilderstudio) der Universität Hildesheim. Die Kinder die meisten von ihnen besuchen das Bilderstudio durchgehend von der 1. bis zur 4. Klasse sind es gewohnt zu zeichnen und über ihre Zeichnungen zu reflektieren. In dem hier vorgestellten Projekt geht es darum, Schreiben und Zeichnen zusammenzuführen und Synergien zu nutzen.
Der Gegenstand, auf den sich das Zeichnen und das Schreiben in diesem Projekt beziehen, ist ein Drachenaquamanile (Wassergefäß aus Bronze) aus dem 12. Jahrhundert, welches das Dommuseum Hildesheim im letzten Jahr neu erworben hat und in einer Ausstellung präsentiert. Für die hier vorgestellte Herangehensweise eignen sich aber nicht nur mittelalterliche Gießgefäße, sondern ebenso andere Objekte aus der Kunst oder dem Alltag. Für unser Projekt war die Ankunft des neuen Objektes eine günstige Gelegenheit, denn auf dem Plakat, das die „Drachenlandung überall in der Stadt ankündigte, sah man nur den Kopf des Objektes; der Körper war nicht sichtbar. Genau dieser fehlende Körper wurde die „Leerstelle, die den Ausgangspunkt des Projektes bildete.
Ein unbekanntes Wesen zeichnen
Am Anfang steht eine kurze Geschichte: Ein bislang unbekanntes Wesen ist in Hildesheim gelandet. Wir wissen bislang nur, wie der Kopf aussieht er ähnelt dem Kopf eines Drachen. Wie aber könnte der dazugehörige Körper aussehen? An der Wand hängt das Plakat des Dommuseums mit dem Kopf des Drachenaquamaniles (Abb. 1 ). Die Kinder erhalten ein DIN-A3-Blatt Transparentpapier sowie ein Papier mit dem Umriss des Kopfes. Sie übertragen den Umriss auf das Blatt und entwickeln, ausgehend vom Kopf, eine Zeichnung des ganzen Tieres. Dabei greifen sie auf ihre Vorstellungen von Tieren zurück (Körperformen, Beine, Schwanz u.a.).
Um das Tier „lebendig aussehen zu lassen, zeichnen sie so genannte grafische Binnendifferenzierungen (Fell, Haut, Schuppen u.a.; Abb. 3 ). Das Zeichnen solcher Binnendifferenzierungen kennen die Kinder aus früheren Zeichensettings; darauf können die meisten sicher zurückgreifen. Am Ende stellt jedes Kind seine Zeichnung vor und beschreibt das Tier. Diese Beschreibungen werden mit einem Audiogerät aufgezeichnet und anschließend von der Lehrerin oder dem Lehrer verschriftet.
Eine Schreibwerkstatt...

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