1. – 4. Schuljahr

Sarah Fornol

Zweifellos richtig?

Zweifeln ist wichtig

Wie schreibt man das noch mal? Wir alle stellen uns diese Fragen hin und wieder und fühlen uns meist ertappt, wenn wir solche Unsicherheiten verspüren. Dabei ist der Zweifel ein konstruktives Element, eine Initialzündung für die Auseinandersetzung mit Sprache. Deshalb wird hier für eine Kultur des Zweifels geworben.

Im Voraus oder im Vorraus? Zweifel wie diesen bei der Schreibung von Wörtern kennen auch erfahrene Schreiber. Jeder von uns hat dieses eine Wort, bei dem immer wieder Zweifel entstehen. Und der eine oder die andere weiß auch, wie er oder sie sich bei Rechtschreibproblemen behelfen kann, beispielsweise mit einer (persönlichen) Eselsbrücke, durch das Ableiten oder Erweitern des Wortes, durch Recherchieren im Internet oder Nachschlagen im Wörterbuch.
Grundschulkinder, die sich noch auf dem (langen) Weg zu kompetenten Rechtschreibern befinden, zweifeln wesentlich häufiger. Wer das als Defizit wahrnimmt, übersieht, dass das Zweifeln bereits ein wichtiger Schritt in die richtige Rechtschreibung ist, denn nur wer zweifelt, beweist ein Gespür für Rechtschreibung. Daher ist es hilfreich, wenn Kinder bereits im Grundschulunterricht erfahren, dass solche Unsicherheiten eine Ressource für das richtige Schreiben darstellen (vgl. Bredel 2006).
Was macht Rechtschreibkompetenz aus?
Im Zentrum des Deutschunterrichts der Grundschule steht der Aufbau der sprachlichen Handlungskompetenz: Die Schülerinnen und Schüler erwerben die Fähigkeit, Texte so zu schreiben, dass sie von anderen gelesen und verstanden werden können. Das richtige, das heißt regelkonforme Schreiben leistet hierzu seinen Beitrag, indem Schreiber und Leser auf gemeinsame Schreibkonventionen zurückgreifen können. Der Rechtschreibvorgang kann mit Hilfe des Zwei-Wege-Modells der Rechtschreibung anschaulich erklärt werden (vgl. Abb. ).
So kann die richtige Schreibung eines Wortes einerseits auf „direktem Weg erfolgen. In diesem Fall rufen die Schülerinnen und Schüler orthographisches Wissen ab, das mental gespeichert ist. Dieser Prozess erfolgt in der Regel automatisch, die wortspezifischen Graphemfolgen sind so eng mit dem phonologischen und orthographischen Wissen verknüpft, dass ein explizites Nachdenken über die Schreibung nicht erforderlich ist.
Nutzen Schreiber jedoch einen indirekten Weg, ein Wort richtig zu schreiben, wird dieses unter Rück-griff auf Rechtschreibwissen konstruiert (vgl. Scheerer-Neumann 2004, S.105ff.). Wenn Schülerinnen und Schüler zweifeln, befinden sie sich auf eben diesem indirekten Weg der Rechtschreibung. Das Modell von Scheerer-Neumann verdeutlicht, dass sich Rechtschreibkompetenz aus verschiedenen Facetten zusammensetzt. So beschreibt es auch Astrid Müller: „Ein kompetenter Rechtschreiber ist demnach jemand, der viele Wörter in verschiedenen Schreibsituationen richtig und weitgehend automatisiert schreibt (=Können), der sich darüber hinaus seiner eigenen Fähigkeiten bewusst werden kann und diese z.B. durch Zweifeln und Kontrollieren steuern kann (=metakognitives Wissen), der sich bei Schreibzweifeln helfen (=Problemlösestrategien) und dabei Schreibungen sachlogisch erklären kann (=deklaratives Wissen). (Müller 2014, S. 8).
Die angeführten Teilkompetenzen zeigen, dass es im Unterricht nicht auf das Auswendiglernen von Rechtschreibregeln ankommt. Das Rechtschreibwissen, das Kinder in der Schule erwerben, ist im Zusammenspiel mit anderen Kompetenzen abzurufen und ggf. zu prüfen. Es handelt sich dabei teilweise auch um Wissen, das für die Lehrerin oder den Lehrer nicht ersichtlich ist. Sei es, weil die Schüler Schwierigkeiten haben, sich dieses ins Bewusstsein zu rufen oder weil es ihnen nicht gelingt, das abgerufene Wissen zu verbalisieren.
Hier bietet das bewusste Zweifeln im Unterricht eine Möglichkeit, orthographisches Wissen, (Fehl-)Konzepte und Handlungsstrategien explizit zu thematisieren bzw. offen zu legen und dadurch eigene...

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