1. – 4. Schuljahr

Fehlerkultur in der Klasse

Ein Interview mit dem Lehrer einer heterogenen Klasse

Wie lässt sich ein gemeinsamer Umgang mit Fehlern in der Klasse etablieren, der niemanden entmutigt und die Kinder befähigt, von ihren Fehlern zu lernen? Mario Merz und seine Klasse entdecken jeden Tag besondere Schreibweisen und verständigen sich über die Gründe dafür.

GSD: Herr Merz, wir würden gern die Situation in Ihrer Klasse kennenlernen. Wie würden Sie sie beschreiben?
Mario Merz (MM): Ich unterrichte eine zweite Klasse mit 21 Kindern. Die Schere in meiner Klasse geht außerordentlich weit auseinander, so wie ich das vorher eher nicht kannte. Ich brauche sehr klare Strukturen, klare Regeln, und wichtig ist eine durchgängige Sprachförderung in allen Bereichen.
GSD: Sie weisen auf die große Schere hin: Meinen Sie das in Bezug auf Leistung oder auch noch für andere Bereiche?
MM: Ja, hauptsächlich in Bezug auf Leistung. Ich habe Kinder, die bereits jetzt schon richtige Bücher lesen. Die nehmen sich zum Beispiel ihr Märchenbuch und können stundenlang darin lesen. Ich habe aber auch Kinder, die noch die Buchstaben und Laute erarbeiten bzw. lernen müssen und Schwierigkeiten haben, eigene Wörter aufzuschreiben.
GSD: Unterrichten Sie allein?
MM: Nein, wir haben viele Teamstunden. Ich habe eine Förderlehrerin in der Klasse, sechs Stunden. Und dann noch eine Kollegin, die mir eine oder zwei Stunden aushilft. Also effektiv habe ich noch ein paar mehr Stunden. Für besondere Kinder.
GSD: Da sind wir schon beim Stichwort Vielfalt. Was geht Ihnen da noch durch den Kopf, wenn Sie an Vielfalt denken?
MM: Auf jeden Fall die Sprache. In meiner Klasse sind Kinder aus verschiedenen Ländern, viele, die noch gar kein Deutsch sprechen. Ich bekomme jetzt ein Kind in die Klasse, das kann bereits vier Sprachen sprechen. Das Vorwissen, das die Kinder mitbringen, die ganzen kulturellen und sozio-ökonomischen Faktoren sind sehr vielfältig: Herkunftssprache, Kultur, einfach alles.
GSD: Sie nehmen die ja wahr, die Vielfalt. Nehmen Ihre Schülerinnen und Schüler die Vielfalt auch wahr?
MM: Ja, aber das lenke ich auch ein bisschen. Wir singen Begrüßungslieder in verschiedenen Sprachen und reden auch sonst im Unterricht darüber. Und wir reden auch darüber, wenn ein Kind berichtet, dass es kein Schweinefleisch oder bestimmte Süßigkeiten nicht essen darf. Was die Leistungsunterschiede angeht, glaube ich, nehmen sie die noch nicht wahr.
GSD: Die Kinder machen natürlich auch Fehler. Gibt es so etwas wie eine Fehlerkultur in ihrer Klasse?
MM: Ja. Generell ist erstmal jeder Fehler erlaubt und wird wertgeschätzt. Das Kind wird immer gelobt: „Das ist ein guter Fehler, den du da gemacht hast. Oder: „Da können wir alle etwas draus lernen. Ich hatte ganz viele Kinder, die haben sich nicht getraut, sich zu melden, anfangs aus Angst, dass sie Fehler machen. Das hat lange gedauert, das abzubauen. Und dann gibt es Kinder, die andere auslachen. Da musste ich eine Null-Toleranz-Politik fahren. Das verstößt gegen die Regeln, und es ist wichtig, dass alle sich sicher fühlen. Manche trauen sich jetzt mehr, weil sie gemerkt haben: Es lacht keiner. Wichtig ist für mich auch, dass ich einen humorvollen, lockeren Unterricht mache. Das löst die Spannung.Wenn dann der Fehler passiert ist, habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder wir machen es öffentlich. Das heißt, ich nehme den Fehler und zeige ihn allen, aber dann möchte ich, dass das Kind einverstanden ist, damit ich niemanden bloßstelle. Also frage ich dann immer: „Hey, können wir den mal allen zeigen? Das ist ein schlauer Fehler, da können alle draus lernen. Und dann zeig ich das im Smartboard in der Kamera und dann überlegen wir: Was ist da jetzt passiert? Das ist bei schlauen Fehlern der Fall, bei einzelnen Fehlern mache ich das meistens individuell. Zum Beispiel haben wir kreative Schreibzeiten, Tagebuch-Zeiten und freie Schreibzeiten, in denen ich den Kindern dann, wenn ich die Zeit finde, Fehler markiere...

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