1. – 6. Schuljahr

Susanne Helene Becker und Anna-Lena Demi

Vom Hineinwachsen ins literarische Leben

Literarische Erfahrungen können Kinder schon lange vor dem Lesenlernen machen. Wir wissen aber, dass das längst nicht bei allen Kinder so ist. Dabei geht es doch um so viel mehr als um Lesefähigkeit oder literarische Bildung!

Die Begegnung mit Literatur kann das Leben des Lesenden bereichern. Sie kann ihn dabei sogar unterstützen, sich selbst besser kennenzulernen. Das heißt beileibe nicht, dass literarische Texte dazu da sind, Kindern moralische Regeln und gesellschaftliche Gesetze zu vermitteln, wenn es um die Freiheit geht, beispielsweise einer Erzählung eine eigene Deutung zu geben oder über die Bedeutung der Geschichte für das eigene Leben selbst zu entscheiden. Gute literarische Texte für Kinder bieten ihnen Spielräume der Interpretation und lassen zu, dass sie diese Leerstellen mit ihren Erfahrungen, ihren Wünschen und Vorstellungen mit Bedeutung füllen.
Auch Nichtleserinnen und Nichtleser profitieren von Literatur
Lesen und Literatur verstehen zu können, ist auch bei Kindern in höheren Klassen der Grundschule nicht unbedingt gleichermaßen gut entwickelt im Anfangsunterricht erst recht nicht (vgl. Becker 2018). Auch Nichtlesende kennen Geschichten oder begegnen Lyrik, denn Literatur kann auch gehört oder gesehen werden. Wer Geschichten liebt, muss nicht unbedingt auch eine begeistere Leserin oder ein begeisterter Leser sein. Vielleicht hört das Kind einfach nur gern zu, wenn andere vorlesen. Es ist wichtig, diese beiden Dinge zu trennen die Liebe zu den Geschichten und die Liebe zum Lesen , wenn Kindern die Liebe zu beidem vermittelt werden soll. Denn wer Geschichten mag, hat die größten Chancen, selbst eine Leserin oder ein Leser zu werden. Manchmal müssen die Lehrkräfte und Eltern darauf ein wenig warten und geduldig Geschichten „liefern, die ein Kind selbst noch nicht lesen mag. Ein Trost: Es dauert wirklich nicht immer so lange, wie bei dem spätberufenen Lesenden, der schon über 20 Jahre alt war, als er zum Buch fand. Seien wir also hoffnungsvoll auch bei jenen, in denen die Saat noch ruht. Eines Tages wird sie aufgehen! Geduld, Ruhe und Selbstverständlichkeit sind schon fast die wichtigsten Zutaten für die Hege der Liebe zur Literatur. Denn ein lockerer Umgang ist notwendig, um Kindern einen unbefangenen Zugang zur Bücherwelt zu ermöglichen.
Die nächste wichtige Zutat sind die sogenannten kompetenten Anderen so werden in der Leseforschung jene genannt, die dem Kind die „nächste Stufe zeigen können. Denn zum Lesenden wird das Kind durch Ko-Konstruktion im Austausch mit anderen baut eine zukünftige Leserin, ein zukünftiger Leser die jeweiligen Kompetenzen aus. Das sind zu Beginn des Lebens in der Regel die Eltern, vielleicht auch andere Erwachsene und ältere Geschwister (s. Abb.1 ). Mit diesen Erfahrungen kommen manche Kinder bereits in die Schule. Andere haben so etwas noch gar nicht kennengelernt. Deshalb gibt es auch in der Gruppe der Kinder oder Jugendlichen kompetente Andere, die anderen Kindern „auf die Sprünge helfen können. Das gegenseitige Betrachten und Lesen von Büchern, wie es aus dem Kontext der Familie bekannt ist, ist eine zwanglose „Leseschule, die Sie auch bei der schulischen Leseförderung schaffen können.
Kinder, die vielleicht keine Bücher kennengelernt haben, können große Kenner von Geschichten sein. Jede Erzählung in der Familie („Als ich Kind war …“ oder „Weißt du noch, als wir …?) oder unter Gleichaltrigen trägt dazu bei, dass ein Mensch sich mit Geschichten auskennt sowohl als Zuhörender als auch als Erzählender. Deshalb spielen das Vorlesen, das Erzählen und Nacherzählen bei der Leseförderung eine so wichtige Rolle. Als Erzählender erfahre ich, dass ich eine Geschichte erzählen kann, der andere zuhören wollen. Als Zuhörender nehme ich Geschichten auf, die vielleicht nie aufgeschrieben werden, aber die durch die mündliche Überlieferung fortbestehen....

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