1. – 6. Schuljahr

Jennifer Reiske

Literatur im Übergang

Wie Kita und Schule mit Eltern kooperieren und Literatur in einen Stadtteil einzieht

Ein früher Zugang zu Literatur ist nicht allen Kindern gewährt. Die Vorlesestunden in den ersten acht Lebensjahren unterscheiden sich eklatant. 32% der Kinder in Deutschland wird zu selten bis gar nicht vorgelesen (Stiftung Lesen 2019). So findet sich in manchen Stadtteilen eine alarmierend hohe Zahl an Kindern, die kaum frühe literarische Erfahrungen machen. Dies hat weitere Folgen. Kindern, denen regelmäßig vorgelesen wurde, fällt das eigene Lesen deutlich leichter (ebd. 2018). Auch wenn von keiner Veränderung durch Maßnahmen berichtet wird (ebd. 2019), wollten Pädagoginnen und Pädagogen eines Bremer Standortes nichts unversucht lassen, um nicht nur Kinder, sondern auch deren Eltern bereits möglichst früh und durchgängig für Literatur zu begeistern.
Zugang zu Literatur
Einen Zugang zu Literatur zu finden, geschieht vor allen Dingen durch eine persönliche Bedeutsamkeit. Texte sind dann bedeutsam, wenn Leserinnen und Leser oder Zuhörerinnen und Zuhörer einen Bezug zu ihnen herstellen können. So erwähnt Spinner (2006, S. 8f.) die subjektive Involviertheit oder Hering (2016, S.126) die persönliche Bedeutsamkeit und den Lebensweltbezug. Das geschieht insbesondere in den Anfängen nicht immer von selbst, genau wie der Weg zum Buch durch Erwachsene begleitet werden muss. Dabei stellen sich viele Fragen: Sind im Haushalt des Kindes überhaupt Bücher vorhanden? Greift ein kleines Kind zum Buch und erfährt dann auch eine positive Rückmeldung? Wird das Buch gemeinsam betrachtet? Wird letztlich mit Unterstützung ein Bezug zum eigenen Leben hergestellt? Das alles beginnt bereits mit dem ersten Leporello und setzt sich bis zum ersten Roman fort.
Einfluss des Elternhauses
Dass das Elternhaus den größten Einfluss auf das Leseverhalten und damit auch auf die Lesekompetenz hat, ist spätestens seit den 90-Jahren dank der Studie zur Lesesozialisation im Elternhaus bekannt (Hurrelmann et al. 1993). So ist die Entwicklung eines Interesses für Literatur stark abhängig von der literarischen Sozialisation im Elternhaus. Somit kann literarisches Lernen bereits lange vor dem Schuleintritt beginnen und hat positive Auswirkungen auf das spätere Leseverhalten eines Kindes.
Doch wie gewinnt das Lesen und insbesondere das Gespräch über das Lesen eine Bedeutung im Familienalltag? Bei dieser Frage setzte das 2015 gestartete Modellprojekt „Durchgängige Sprachbildung von der Kita in die Grundschule an fünf Modellstandorten mit 13 Schulen und Kitas in Bremen an. Einer der Modellstandorte im Bremer Westen wollte auf eine durchgängige Erzähl- und Leseförderung setzen und Eltern möglichst früh miteinbeziehen. Wie wichtig es insbesondere in Stadtteilen in herausfordernder Lage ist, Eltern frühzeitig als Bildungspartner zu gewinnen, wissen jene, die in einem solchen Stadtteil gearbeitet haben oder arbeiten.
Buch- und Spielausleihe
Eine bereits gut installierte Buch- und Spielausleihe aus einem vorherigen Projekt (ENTER Entdecken und Erzählen) diente als gute Ausgangsbasis für das weitere Vorhaben. In einer großen Schatztruhe stehen Bilderbücher, Hörspiele und Spiele, die mathematische und/oder sprachliche Fähigkeiten fördern, zur Verfügung (Weitere Information unter: Böning, D., Hering, J. & Thöne, B. 2014). Aus dieser Kiste durften die Kinder jeweils ein Buch oder ein Spiel über das Wochenende ausleihen. Im montäglichen Morgenkreis wurde anschließend darüber gesprochen. Die Kinder berichteten, welches Buch sie gelesen haben oder welches Spiel sie gespielt haben, mit wem, wovon es handelt und wie es ihnen gefallen hat.
Eine Erzählkarte mit Piktogrammen bot ein zusätzliches Erzählgerüst und half, einen roten Faden einzuhalten (s. Abb.1 ). Die Erzählungen über Bücher konnten andere Kinder dazu animieren, sich ebenfalls Bücher auszuleihen.
Die Ausleihe wurde im Rahmen des Projektes konsequent in...

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