1. – 6. Schuljahr

Nele Ohlsen

„Frau Ohlsen, wann liest du mal wieder auf Platt vor?

Mehrsprachiges Vorlesen in der Grundschule

Das Vorlesen mehrsprachiger Bilderbücher lädt zu Sprachvergleichen und Entdeckungen ein. So lassen sich die Herkunftssprachen der Kinder einbeziehen aber auch die Regionalsprache Niederdeutsch. Diese ist den Kindern oft vertrauter als gedacht.

„Frau Ohlsen, wann liest du mal wieder auf Platt vor? Diesen Satz höre ich relativ häufig von meinen Schülerinnen und Schülern. Nicht verwunderlich – denn wir sind eine plattdeutsche Schule und haben uns bewusst für die Förderung der Regionalsprache Niederdeutsch entschieden. Erst mit der Zeit jedoch ist mir bewusst geworden, welchen positiven Einfluss die Auseinandersetzung mit der Regionalsprache auch auf das Lesen und das literarische Leben meiner Klassen und unserer Schule hat. Diese Erfahrungen möchte ich gern teilen und Mut machen, sich auch mit den sogenannten „kleinen Sprachen im Unterricht zu beschäftigen.
Warum Niederdeutsch in der Grundschule?
Das Thema Mehrsprachigkeit gewinnt in der aktuellen fachdidaktischen Diskussion zunehmend an Bedeutung. Cornelia Rosebrock merkt sogar an, dass „ohne eine anregende, vielfältige und mehrsprachige schulische Lesekultur (Rosebrock 2018, S. 28) die Aneignung von Lesekompetenz vor allem für die schwächeren Schülerinnen und Schüler wohl kaum erreichbar ist.
Wenn man Begriffe wie Mehrsprachigkeit und mehrsprachiges Lesen liest, denkt man sicherlich zunächst an die „großen Sprachen, wie z.B. Englisch, oder an Deutsch als Zweitsprache. Doch auch die sogenannten „kleinen Regional- oder Minderheitensprachen bieten großes Potenzial für die Leseförderung und das literarische Leben in der Schule. In einigen Bundesländern ist die Auseinandersetzung mit der Regionalsprache bereits fester Bestandteil der Curricula. Die niederdeutsche Sprache (s. Kasten1) hat den großen Vorteil gegenüber anderen Sprachen, dass sie eine große Nähe zum Hochdeutschen aufweist und unter Umständen den Kindern aus ihrem Umfeld bekannt ist.
Kasten 1
Kasten 1
Die Regionalsprache Niederdeutsch
Niederdeutsch oder auch umgangssprachlich Plattdeutsch ist in Deutschland seit 1999 als Regionalsprache anerkannt und wird in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie in den nördlichen Teilen von Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt in regional unterschiedlichen Varianten gesprochen (vgl. Adler et al. 2016, S. 6).
So verstehen Kinder das Niederdeutsche meist schneller als andere Fremdsprachen und können das erworbene Wissen gemäß der modernen Spracherwerbs- und Mehrsprachigkeitsforschung zur Aneignung der „großen Sprachen und einer umfassenden sprachlichen Handlungskompetenz nutzen. Oder anders formuliert: Das Niederdeutsche fungiert als „Brückensprache zwischen dem Hochdeutschen und dem Englischen oder Niederländischen (vgl. Niedersächsisches Kultusministerum 2019¸ Freie Hansestadt Hamburg. Behörde für Schule und Berufsbildung 2011, S. 10f.). Neuere Studien weisen darauf hin, dass es auch bezüglich der Lesekompetenz eine derartige Brückenfunktion gibt und Lesefertigkeiten zwischen den Sprachen übertragbar sind (vgl. Kutzelmann, Massler & Ilg 2018, S. 65).
So weit die Theorie. Wenn ich aber im Rahmen von Fortbildungen oder Vorträgen mit anderen Kolleginnen und Kollegen meine Arbeit mit der Regionalsprache vorstelle, erreichen mich früher oder später zwei Fragen:
  • Wie kann ich das Niederdeutsche tatsächlich neben den vielen anderen curricularen Verpflichtungen in meinen Unterricht integrieren?
  • Verstehen das Niederdeutsche wirklich alle Kinder?
Erfahrungen aus der Praxis
Ich möchte im Folgenden meine Erfahrungen schildern und Mut machen, sich auf die Regionalsprache im Unterricht einzulassen.
Ich unterrichte an einer kleinen Grundschule im ländlichen Raum zwischen Bremerhaven und Bremen. Wir kooperieren bereits seit langer Zeit mit mehreren Förderschulen und...

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