1. – 6. Schuljahr

Susanne Helene Becker und Anna-Lena Demi

Dem literarischen Leben Raum geben

Literarische Geselligkeit fördern

Lesen findet nicht nur allein statt, sondern auch in der Gruppe und im Austausch miteinander. Dieser Beitrag liefert Anregungen, wie Sie besondere Leseerlebnisse im Klassenraum und in der gesamten Schule gestalten können.

Nur wer Literatur und das Lesen genießen kann, liest gern. Und nur wer liest, lernt lesen. Was wie ein Widerspruch erscheint, gibt die aktuelle lesedidaktische Denkrichtung wieder, die sich für die schulische und außerschulische Leserförderung seit den frühen Kritiken (zunächst vor allem Hurrelmann 2002) am Lesekompetenzmodell der ersten PISA-Studie 2000 etabliert hat. In erweiterter Perspektive versteht man Lesen als kulturelle Praxis, die neben der Erschließung von Informationen auch motivationale, emotionale und interaktive Dimensionen miteinschließt. Zwar erfordert das Lesen natürlich basale Lesefertigkeiten wie beispielsweise die Dekodierung eines schriftlichen Textes. Die Teilhabe am literarischen Leben bedarf derlei jedoch nicht! Deutschunterricht kann also Schülerinnen und Schülern weitaus mehr bieten als Training der Leseflüssigkeit und des Lesetempos. Deutschunterricht kann vielmehr Schülerinnen und Schülern Türen zu literarischen Welten öffnen und die Kinder in diese eintauchen lassen. Dazu gehören das Mitfiebern mit den Protagonistinnen und Protagonisten beim Bestehen brenzliger Abenteuer, das Lösen kniffliger Rätsel im Krimi ebenso wie das Mitleiden oder auch Mitfreuen am Schicksal literarischer Figuren im Entwicklungsoman und mehr. Auf diese Weise erschließen sich Kinder nicht nur die literarische, sondern auch die eigene Welt (vgl. den Beitrag Lernvoraussetzungen). Überdies leistet der Umgang mit Literatur einen wichtigen Beitrag zu einer fächerübergreifenden ästhetischen Bildung, weil sie bildliche Vorstellungen und sinnliche Wahrnehmungen evoziert (Spinner 2010).
Literarisches Leben ist laut
Die Lesen von Büchern wird heutigentags meist von der Vorstellung des „einsamen Lesers begleitet: Es findet an einem individuellen Rückzugsort statt, ist gekennzeichnet von Ruhe und Versunkensein. Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte, dass die Literatur stets ihren Platz in der Öffentlichkeit hatte. So denke man an das 18. Jahrhundert, an literarische Zirkel, Lesegesellschaften oder romantische Salons. Bis weit ins das 19. Jahrhundert war das „laute Lesen, das gemeinsame Rezipieren von Literatur, üblich (vgl. Schön 1993).
Das Lesen von Literatur umfasst also so viel mehr als die einsame Interaktion zwischen einem Buch und einer Leserin, um dann im Unterricht den Text „zu behandeln, wie es oft heißt. Schauen wir uns etwas ab aus der Geschichte des Lesens, in der uranfänglich die Rezeption von Literatur über Jahrhunderte ein geselliges Erlebnis war, in dem gemeinsame literar-ästhetische oder erbauliche Erfahrungen geteilt wurde. Solche Rezeption wird in der Forschung als „genuin soziale Aktivität (Garbe 1997, S. 41) betrachtet, ist also stets eingebunden in soziale und kommunikative Strukturen. Auch heute gibt es eine Vielzahl von öffentlichen Formaten literarischen Lebens mit dem Merkmal der Gemeinsamkeit, wie Autorenlesungen in Buchhandlungen und Bibliotheken oder auf freien Lesebühnen mit Lesungen noch unbekannter Autorinnen und Autoren bis hin zu weiteren neuen Formaten wie z.B. den Poetry-Slams. Tausende von Menschen verfolgen Preisverleihungen, Literatursendungen in Radio oder Fernsehen. Die bekannte Leseforscherin Bettina Hurrelmann fasste vor beinahe zwanzig Jahren zusammen: „Ob ein Kind zum Leser wird, ist vor allem davon abhängig, ob es die Erfahrung machen kann, dass das Lesen seine Bedürfnisse nach Weltorientierung, nach sinnlich-ästhetischer Erfahrung und nach Selbstaufklärung betrifft und auch im sozialen Zusammenhang Sinn macht. (Hurrelmann 2002, S. 14). Und Sinn entsteht für Kinder beim Lesen und im Umgang mit Geschichten dann, wenn...

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