2. – 4. Schuljahr

Christoph Jantzen und Inga Reeck

„Stopp mal eben, ich hab ne Frage!

Aktuelle Kinderbuchreihen als Klassenlektüre

Eine Buchreihe als Klassenlektüre eröffnet viele Möglichkeiten für differenzierte und individuelle Zugänge und bietet zahlreiche Anlässe zum literarischen Lernen. Wie ein solcher Unterricht organisiert werden kann, zeigen wir am Beispiel von „Rosie und Moussa.

Die Grundidee
Bei der Lektüre einer Buchreihe können Kinder verschiedene Bücher parallel lesen und im Austausch in Gruppen und der ganzen Klasse doch einen gemeinsamen Kristallisationspunkt haben. So lassen sich individuelle Zugänge mit gemeinsamen Erfahrungen verbinden.
Während in den einzelnen Bänden unterschiedliche Handlungen und Entwicklungen dargestellt werden, gibt es auch Konstanten: ein Kern des Figureninventars, Handlungsorte, sprachlich-stilistische Elemente und latente Themen, die in den verschiedenen Handlungszusammenhängen immer wieder vorkommen. Hierin liegen die besonderen Chancen für literarisches Lernen. In Klassengesprächen können Kinder unterschiedliche Sichtweisen auf die gleichen Figuren zusammentragen und so die Figuren differenziert psychologisch erkunden (vgl. Spinner 2007, S. 7f).
In vielen Buchreihen gibt es Themen, die sich durch alle Bände ziehen. Dies ermöglicht Aushandlungs- und Differenzierungsprozesse im literarischen Gespräch, in dem die Unabschließbarkeit des Sinnbildungsprozesses erfahrbar wird.
Für die Organisation eines solchen Unterrichts schlagen wir Bausteine vor, die in drei Sozialformen umgesetzt werden: Einzelarbeit, Gruppenarbeit (hier: „Lesekonferenz) und Klassengespräch. Die Arbeit mit den Bausteinen wird exemplarisch an einer aktuellen Reihe veranschaulicht, umfangreiches Arbeitsmaterial zu jedem der drei Bände finden Sie auf der CD (M1 – 3).
Die Buchreihe „Rosie und Moussa
Die Bücher der Reihe „Rosie und Moussa (Abb. 1 – 3 ) erzählen in einfacher Sprache von der Freundschaft zweier Kinder. Schauplatz ist die Stadt, das Leben in einem Hochhaus. Im ersten Band „Rosie und Moussa zieht Rosie in das Haus, in dem Moussa schon länger wohnt. Die beiden lernen sich kennen und freunden sich an. Gemeinsam gehen sie trotz strengen Verbots auf das Dach des Hochhauses und sperren sich aus.
Im zweiten Band „Der Brief von Papa wird die im ersten Band schon seltsam virulente Abwesenheit des Vaters thematisiert: Er sitzt im Gefängnis, was RosiesMutter ihr nicht erzählt hat. Mit Hilfe der Nachbarin Frau Himmelreich besucht Rosie ihren Vater zusammen mit Moussa und erfährt so seine Geschichte.
Im dritten Band „Beste Freunde für immer zieht Onkel Ibrahim bei Moussas Familie ein, der seine Wohnung verloren hat, weil er keine Aufenthaltsgenehmigung hat. Der Umgang der Figuren miteinander ist herzlich, die Erlebnisse werden in einem ruhigen Ton geschildert. Doch diese Harmlosigkeit täuscht, denn es geht um existenzielle Themen, die sich den Lesenden aber nicht aufdrängen: Gefängnisaufenthalt, Obdachlosigkeit und das Leben in der Illegalität. Immer wieder taucht das Thema „Lüge und Wahrheit auf. Es wird in verschiedenen Situationen differenziert dargestellt, ohne moralisierenden Unterton. Die Protagonisten haben keine besonderen Merkmale: Sie sind nicht besonders intelligent oder stark, Rosies Vater hat kein ganz schlimmes Verbrechen begangen, Onkel Ibrahim ist nicht vor einem schrecklichen Bürgerkrieg geflohen. Diese Lebensnähe ist einer der Gründe dafür, dass der Band „Der Brief von Papa auf die Auswahlliste für den deutschen Jugendliteraturpreis 2015 aufgenommen wurde.
Unterrichtsbausteine
Baustein Lesekonferenz
Drei oder vier Schüler bilden eine Gruppe und lesen sich gegenseitig einen Textabschnitt vor. Marvins Äußerung „Stopp mal eben, ich hab ne Frage steht prototypisch für die Arbeit beim gemeinsamen Lesen: Wortbedeutungen und Inhalte werden geklärt, es kann über Komisches gelacht, die Illustrationen können betrachtet werden.
Anschließend tauschen sich die...

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