1. – 6. Schuljahr

Karin Vach

Literarisches Lernen

Ästhetisch-fiktionale Texte erschließen und verstehen

Was ist mit literarischem Lernen gemeint? Und wie unterscheidet es sich vom Ansatz der literarischen Bildung? Hier werden der Literaturunterricht, seine Entwicklung, Gegenstände und Ziele in den Blick genommen.

In den letzten Jahren ist in der Literaturdidaktik vielfach diskutiert worden, was unter literarischem Lernen zu verstehen ist. Diese Auseinandersetzung ist wesentlich durch Kaspar H. Spinners sehr beachteten Artikel „Literarisches Lernen im Jahr 2006 angestoßen worden. Spinners Ausführungen haben das Verständnis von literarischem Lernen nachhaltig beeinflusst. Obwohl das literarische Lernen in den Literaturunterricht in allen Schulformen Eingang gefunden hat, ist dennoch schwer zu fassen, was es genau beinhaltet. Der literaturdidaktische Diskurs darüber ist noch nicht abgeschlossen (vgl. www.leseräume.de). Sicher lässt sich aber sagen, dass das literarische Lernen die Lernenden und ihre Lernprozesse über und durch Literatur in den Blick nimmt. Wenngleich Sach- und Informationstexte auch zur Literatur gehören und literarisches Lernen anstoßen können, so sind es doch vor allem die ästhetischen, fiktionalen Texte, die zum Ausgangspunkt für literarisches Lernen werden. Dabei handelt es sich nicht nur um schriftsprachlich kodifizierte Texte, sondern um Texte in allen medialen Darstellungsformen.
Literarische Lernprozesse
Es geht beim literarischen Lernen vor allem um Lernprozesse, die zur Erschließung und zum Verstehen ästhetisch-fiktionaler Texte beitragen. Dazu gehört die Begegnung mit vielfältigen literarischen und medialen Formen sowie mit unterschiedlichen ästhetischen Gestaltungsweisen. Hierdurch können die eigenen Erfahrungen, ästhetische Sensibilität und Ausdrucksfähigkeit erweitert werden.
Dass Texte anregen und unterhalten können durch das Erleben von Spannung, Freude, Mitleiden oder durch die Vorstellungstätigkeit, kann ein wichtiger Motor für die Bereitschaft sein, sich auf Neues einzulassen. Dabei eröffnet literarisches Lernen neue Perspektiven auf die eigene Identität und die Alterität, auf das Weltverstehen und die Möglichkeiten des menschlichen Miteinanders. Literarische Texte „schärfen den Blick für Alternativen und Optionen auch im eigenen Leben; sie zeigen, dass man mit einer Erfahrung keineswegs allein in der Welt ist, sie fördern aber auch Einfühlung in andere und ihre anderen Probleme, und sie bieten nicht zuletzt Trost und Ablenkung an, wenn anderes gerade gar nicht hilft (Abraham 2005, S. 18). Literarisches Lernen lässt teilhaben am kulturellen Leben. Das realisiert sich einerseits konkret in der Partizipation an kulturellen Angeboten wie Lesungen, Theaterinszenierungen oder Kino. Dazu gehört jedoch auch die Teilhabe am kulturellen Wissensbestand und anthropologischen Erfahrungsschatz, wenn grundlegende Fragen des Menschseins in überzeitlichen Motiven und Geschichten weitergegeben und geteilt werden.
Literarische Bildung
Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des Literaturunterrichts zeigt, dass lange der literarische Bildungsbegriff unser Verständnis von Literaturvermittlung geprägt hat. Seine ideengeschichtlichen Wurzeln führen zum idealistisch-humanistischen Bildungsideal, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in der bürgerlichen Gesellschaft etablierte. Diese Bildungsvorstellung wurde maßgeblich von Herders Humanitätsphilosophie und Schillers Theorie der ästhetischen Erziehung beeinflusst. Frei von jeder zweckhaften Bindung sollte das Lesen „schöner Literatur zur ganzheitlichen, harmonischen Entfaltung des Menschen führen (vgl. Hurrelmann 2004a). Die Frage, welche Literatur die schöne Literatur sei, die diese persönlichkeitsbildenden Wirkungen versprach, führte im 19. Jahrhundert zum Kanon der Hochliteratur. Obwohl sich in der literarischen Praxis des 19. Jahrhunderts bereits die Unterhaltungsliteratur durchgesetzt hatte, hielt der neu eingeführte Literaturunte...

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