1. – 6. Schuljahr

Mechthild Dehn, Daniela Merklinger

Literarischem Lernen auf der Spur

Zwischen subjektiver Involviertheit und genauer Text- und Bildwahrnehmung

Ob Kinder literarische Lernprozesse durchlaufen haben und was sie dabei „gelernt haben, lässt sich nicht messen. Davon sprechen allerdings die eigenen Texte und Bilder, die aus ihrer Begegnung mit Literatur und Kunst entstehen.

Literarisches Lernen ist genau wie das Leseverstehen und die Lesemotivation ein zentrales Anliegen des Deutschunterrichts in der Grundschule (vgl. den Artikel „Zur Sache von Karin Vach, S. 4ff.). Ziel des literarischen Lernens ist der Erwerb literarischer Kompetenzen, obwohl diese schwer begrifflich zu modellieren sind (vgl. Kammler 2006, S. 11ff.). Allerdings lassen sich zentrale Aspekte literarischen Lernens benennen (vgl. Spinner 2006): Es ist wichtig, dass der Rezipient in die Fiktion eintaucht und eigene Vorstellungen, eigene Imaginationen entwickelt.
Dazu gehört, dass er sich selbst mit der Geschichte in Beziehung setzt, die Perspektiven literarischer Figuren nachvollzieht, Alterität wahrnimmt und sich mit einzelnen Figuren, mit der dargestellten Welt identifiziert oder sich kritisch davon distanziert. Dabei gilt es, immer wieder die eigene subjektive Involviertheit mit einer genauen Text- und Bildwahrnehmung abzugleichen. Das beinhaltet auch, die metaphorische und symbolische Ausdrucksweise eines Textes zu erschließen sowie Leerstellen zu füllen und Mehrdeutigkeiten auszuhalten.
Lässt sich literarisches Lernen beobachten?
Wenn Kinder lesen, wenn sie vorgelesen bekommen, Filme oder auch Bilder sehen und sich dabei auf fiktive Welten einlassen, so sind die Vorstellungen, die inneren Bilder, die dabei in ihren Köpfen entstehen können, der Beobachtung von außen nicht unmittelbar zugänglich. Zwar können wir in ihren Gesichtern Spannung, Überraschung, Freude erkennen, und auch ihre Körperhaltung kann über Reaktionen auf das Gehörte, Gesehene oder Gelesene Aufschluss geben.
Wenn wir jedoch genauer verstehen möchten, welche Vorstellungen bei diesen individuellen Rezeptionsprozessen im Zusammenspiel von subjektiver Involviertheit und genauer Text- und Bildwahrnehmung entstehen, dann müssen Kinder die Gelegenheit erhalten, dafür eine Ausdrucksform zu finden: zum Beispiel, indem sie zu ihren Erfahrungen schreiben, dazu zeichnen, etwas szenisch darstellen und mit anderen darüber sprechen. So können die Rezeptionserfahrungen der Kinder nicht nur für andere zugänglich und somit beobachtbar werden, sondern auch für sie selbst.
Spuren literarischen Lernens
im Text zum Bilderbuch
In dem Bilderbuch „Die große Wörterfabrik (de Lestrade/Docampo 2012) muss man Wörter teuer kaufen, bevor man sie aussprechen kann. Da hat man es nicht leicht, wenn man einem Mädchen seine Liebe gestehen möchte, so wie Paul, der in Marie verliebt ist, aber kein Geld hat im Gegensatz zu Oskar, der sich alle Wörter leisten kann. Trotzdem gelingt es Paul, Maries Herz mit drei ganz alltäglichen Wörtern zu gewinnen: Kirsche! Staub! Stuhl! Die Drittklässlerin Annika schreibt ausgehend von dem Bild auf dem Schreibblatt, das Maries Reaktion auf Pauls Worte abbildet ihre Gedanken zu der Szene auf (Abb. 1 ).
Die Überschrift des Textes „Maries Herz schlägt an steht in engem Zusammenhang mit dem Bild auf dem Schreibblatt, sie fasst es gleichsam in Sprache. Dabei bedient sich Annika der Metapher des schlagenden Herzens. Aber Maries Herz schlägt nicht nur, es schlägt an. Auf diese Weise betont der Text, dass dies der Anfang der Liebe zwischen Paul und Marie ist.
In den ersten Sätzen kommt die genaue Text- und Bildwahrnehmung der Autorin zum Ausdruck. Im nächsten Satz erfolgt eine Übernahme der Perspektive von Marie, die sich fühlt „wie ein Blick in die Sonne, ein kurzer Blick. Der Vergleich lässt ein starkes Bild im Kopf des Lesers entstehen. Die Sonne ist hell und warm, ein Blick in die Sonne fühlt sich gut an. Zugleich kann die Sonne auch...

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