3. – 4. Schuljahr

Felix Heizmann

Dem Sinn auf der Spur

Literarische Unterrichtsgespräche mit Grundschulkindern

In gemeinsamen Unterrichtsgesprächen werden die Grundschulkinder angeleitet, als Textforscher auf eine gemeinsame Spurensuche in literarischen Texten zu gehen. An dieser Spurensuche nehmen die Kinder mit großem Entdeckerdrang teil.

Das Textforscher-Setting
Das Textforscher-Setting ist auf die Durchführung von Literarischen Unterrichtsgesprächen im Klassenverband und auf den Entwicklungsstand von Grundschulkindern abgestimmt (vgl. Heizmann 2011). Es bezieht die theoretischen und didaktischen Prämissen des Heidelberger Modells ein: Ziel ist nicht die Erarbeitung einer „endgültigen Interpretation, sondern das gemeinsame Erkunden von Sinnmöglichkeiten im Literarischen Gespräch (vgl. Härle 2014; s. auch Kasten 2).
Vorbereitung
Zur Durchführung eines Literarischen Unterrichtsgesprächs bietet sich das anspruchsvolle Gedicht „Zirkuskind von Rose Ausländer an, ein Text, an dem alle Beteiligten spannende Entdeckungen machen können, weil das Gedicht Fragen und Irritationen auslöst, die im Literarischen Gespräch gemeinsam bearbeitet werden können (s. Kasten 1
Zirkuskind
Zirkuskind
Ich bin ein Zirkuskind
spiele mit Einfällen
Bälle auf ab
Ich geh auf dem Seil
über die Arena
der Erde
reite auf einem Flügelpferd
über ein Mohnfeld
wo der Traum
wächst
Werfe dir Traumbälle zu
fang sie auf
Rose Ausländer
Rose Ausländer, Zirkuskind. Aus: dies., Ich höre das Herz des Oleanders. Gedichte 19771979. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1984
; zum Gedicht vgl. Heizmann 2014).
Um die angehenden Textforscher bei der gemeinsamen Spurensuche zu unterstützen, wird zunächst für jedes Kind ein Textblatt ausgedruckt und laminiert und eine Textlupe vorbereitet.
Bei der Spurensuche nutzen die Kinder Textlupen; gut geeignet sind Wäscheklammern, die mit einer Lupe beklebt werden. Die Textlupe wird im Gespräch neben die Strophe geklemmt, die die Textforscher-Gruppe gerade genauer „unter die Lupe nimmt. Sie hilft den Kindern, sich zunächst auf jeweils eine Strophe des Gedichts zu konzentrieren. Außerdem wird vor dem Gespräch ein Textforscherkoffer mit den Textblättern, Textlupen und Stiften bestückt.
Jedes Kind kann dann im Gespräch seine Textspur mit einem Stift auf dem eigenen Textblatt markieren. Wenn die Kinder wasserlösliche Stifte verwenden, können die Textblätter mehrmals benutzt werden. Als Textforscherkoffer eignet sich zum Beispiel eine alte Ledertasche. Der Koffer wird bereits vor dem Beginn des Gesprächs in der Mitte des Stuhlkreises abgestellt.
Die sechs Phasen des Literarischen Unterrichtsgesprächs
Das Literarische Unterrichtsgespräch gliedert sich in sechs Phasen (vgl. Steinbrenner et al. 2006). Jeder Phase liegen wichtige Funktionen und Zielsetzungen zugrunde, an denen sich auch das Textforscher-Setting orientiert.
Phase 1: Gesprächseinstieg
Die Kinder kommen im Stuhlkreis zusammen. Um sie auf die Arbeit als Textforscher einzustimmen, sorgen die Lehrerin oder der Lehrer für eine angenehme, ruhige und konzentrierte Gesprächsatmosphäre. Außerdem erinnert sie an die Gesprächsregeln: Wer etwas sagen möchte, gibt ein Handzeichen. Das Rederecht teilt die Lehrerin gestisch (z.B. mit „einladenden Handbewegungen) oder mimisch zu (z.B. durch „bestätigendes Zunicken), ohne die Dynamik des Gesprächs zu stören.
Phase 2: Textbegegnung und Vorbereitung auf die Erste Runde
Wenn alle zur Ruhe gekommen sind, liest die Lehrerin oder der Lehrer den ausgewählten Text vor; dadurch wird die Entstehung innerer Bilder angeregt, und es können sich Fragen oder Irritationen ergeben. Erst nach dem Vorlesen nimmt sich jedes Kind ein Textblatt (Abb. 2 ), einen Stift und eine Textlupe (Abb. 1 ) aus dem Textforscherkoffer (Abb. 3 ). Dann liest die Lehrerin das Gedicht noch einmal vor, wobei die Kinder auf ihrem Textblatt „still mitlesen. Zuletzt lesen dann alle den Text still ein zweites Mal. Dazu gibt die Lehrerin einen ersten Impuls, der...

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