3. – 6. Schuljahr

Jeanette Hoffmann

„Deine Mutter ist tot!

Perspektiven von Figuren aus einer Graphic Novel erkunden

Keine leichte Kost ist diese Bildergeschichte, die die Kinder sich mit einem Lesetagebuch an der Seite erschließen. Im Zuge ihrer Auseinandersetzung füllen sie Leerstellen und begeben sich in eine ko-konstruktive Rezeption mit anderen, auch im Klassengespräch.

Wo ist Jeans Mama? Warum machen alle ein Geheimnis um sie? Ist sie wirklich auf Reisen, wie Jeandenkt? Warum landen ihre Postkarten an ihn beim Nachbarsmädchen Michèle? Und warum darf niemand davon wissen? Fragen wie diese begleiten die Lektüre der Graphic Novel, die auf humorvolle und herzliche Art eine traurige, aber zugleich hoffnungsvolle Familiengeschichte erzählt (Kasten
„Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen
„Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen
Die Graphic Novel von Jean Regnaud und Émile Bravo (2009; Abb. 1) spielt in einer französischen Kleinstadt im Jahr 1970 und wird aus der Perspektive von Jean erzählt. Jean und sein jüngerer Bruder Paul leben zusammen mit ihrem Vater und dem Kindermädchen Yvette; die Mutter ist verstorben, aus Sicht der Kinder „auf Reisen.
Erzählt wird die Zeit von Jeans Einschulung bis kurz nach Weihnachten, in der er beginnt, nach seiner Mutter zu fragen, und schließlich von ihrem Tod erfährt. Neben den Bildern und Comic-Elementen dominieren erzählende Passagen in Blocktexten, die Einsichten in die Bewusstseinslandschaft der Hauptfigur eröffnen. Jedes Kapitel ist einer Figur aus Jeans Lebenswelt gewidmet.
Im zweiten Kapitel wird von Jeans ambivalenter Beziehung zu der zwei Jahre älteren Michèle erzählt, die nebenan wohnt. Bei einem ihrer heimlichen Treffen bemerkt Michèle, dass Jean seine verstorbene Mutter auf Reisen glaubt. Um ihn zu trösten, beginnt sie, ihm Postkarten im Namen seiner Mutter zu schreiben.
Diese Postkarten aus den verschiedensten Ländern ziehen sich leitmotivisch durch die Geschichte. Dabei wird immer klarer, dass die Postkarten nicht wirklich von der Mutter geschrieben sein können, etwa wegen der unkonventionellen Orthografie, der Kinderhandschrift oder inhaltlicher Unstimmigkeiten. Jean indes hält sich emotional an diesen Lebenszeichen fest und erfährt erst am Ende der Geschichte in einer Streitsituation auf sehr unsanfte Art von der eigentlichen Autorin der Postkarten und vom Tod seiner Mutter: „Du Blödmann! Ich lese dir nie wieder die Karten von deiner Mama vor!“– „Hast du wieder eine gekriegt?“–„Pfff! Die hab ich mir doch alle nur ausgedacht! DEINE MUTTER IST TOT!!
Jean Regnaud/Émile Bravo:
Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen.
Hamburg: Carlsen 2009.
).
Deren Figuren sind alle durch Geheimnisse miteinander verbunden oder voneinander getrennt. Die Figuren-Perspektiven nachzuvollziehen stellt Kinder zu Beginn ihres selbständigen Rezeptionsprozesses vor eine große Herausforderung. Dabei können die erzählenden Bilder sie unterstützen.
Perspektivübernahme als Aspekt literarischen Lernens
Die Rezeption literarischer Texte ermöglicht Einblicke nicht nur in verschiedene Handlungszusammenhänge, sondern auch in andere Perspektiven, Gedanken- und Gefühlswelten. Um dabei den „Entwurfscharakter von Wirklichkeit entdecken zu können (Ulich/Ulich 1994), ist es wichtig, sich auf literarische Figuren einzulassen, ihre Perspektiven einzunehmen oder sich von ihnen abzugrenzen und das Beziehungsgeflecht zwischen ihnen zu verstehen. Auch Bilder nehmen Perspektiven ein, zeigen unterschiedliche Ausschnitte und lassen Leerstellen, die zur Imagination einladen. Bilder genau zu betrachten und zu versprachlichen ist ein wichtiger Aspekt des literarischen Lernens, denn ähnlich wie das Lesen, so ist auch das Sehen „auf das Herstellen von Beziehungen und Sinnzusammenhängen, auf das Generieren von Bedeutungen gerichtet (Dehn et al. 2011, S. 50ff.).
Die Unterrichtseinheit gliedert sich in drei Phasen:
  • Annäherung an die Figuren...

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