1. – 6. Schuljahr

Lea Grimm, Hauke Hückstädt und Alissa Walser

Literarische Texte in Einfacher Sprache

Ein Projekt des Frankfurter Literaturhauses

Einfach geschrieben, ohne einfältig zu sein: Das ist der Anspruch, mit dem ein Projekt zur „Literatur in Einfacher Sprache antritt, um all denjenigen ein Angebot zu machen, die bislang ausgeschlossen sind aus dem literarischen Diskurs. Diese Anforderung als Chance, Literatur in Einfacher Sprache als Kunst zu verstehen, ist der Kerngedanke des Projekts.

„Unser Dogma ist einfach, titelt Kristof Magnusson am 4. Januar 2017 in der FAZ. In seinem Artikel tritt Magnusson engagiert für sprachliche Barrierefreiheit ein. Er nimmt dem Leser die Angst vor der viel beschworenen Infantilisierung der Sprache, indem er beispielhaft anerkannte literarische Texte anführt, die einfach geschrieben sind, ohne einfältig zu sein.
Kristof Magnusson ist einer der Autoren des Frankfurter Literaturhaus-Projektes, das hier vorgestellt werden soll. Das Projekt ist das erste und bisher einzige dieser Art in Deutschland, in Wiesbaden findet es mittlerweile Wegbegleiter. Es trägt den Titel „Frankfurt, deine Geschichte. Literatur in Einfacher Sprache und wurde in Kooperation mit dem Historischen Museum Frankfurt durchgeführt. So wird literaturfernen, im Lesen und Verstehen beeinträchtigten oder sprachlich eingeschränkten Menschen die Chance gegeben, sich anspruchsvollen Autoren zu nähern.
Sechs namhafte Schriftsteller schreiben originär sechs Geschichten in Einfacher Sprache; nach Regeln (s. Tabelle ), die zuvor in einem intensiven Aushandlungsprozess entstanden sind. Sie erschaffen damit eine neue Art von Kunst. Und sie beziehen sich in ihren Geschichten auf Frankfurter Personen (wie Anne Franks Schwester Margot), Artefakte (wie das Kofferradio eines Gastarbeiters), Orte (wie die Frankfurter Paulskirche) oder Ereignisse. Das verbindet sie. Bei der sprachlich-stilistischen Umsetzung allerdings behält jeder Autor trotz Einhaltung des Regelwerks bewusst seine persönliche Note, seinen individuellen Schreibstil, seine ganz eigene Ästhetik.
Lassen wir nun einige Stimmen zu diesem Projekt zu Wort kommen.
Hauke Hückstädt, die Stimme der Projekt-Leitung
Persönliche Erfahrungen beim Einschlagen eines neuen Weges
Zumeist klopfen wir, die Vermittler und Veranstalter, an Türen und Tore und bitten um Einlass bzw. um Unterstützung unserer Ideen. Im Frühjahr 2016 war es anders. Die Stabstelle für Inklusion der Stadt Frankfurt kam zu uns und sagte in etwa: Die Stadt Frankfurt setze sich für Barrierefreiheit ein und man suche nach neuen Lösungen und neuen Zugängen, nun auch im kulturellen Bereich. Das Frankfurter Literaturhaus sei ein stilbildender Ort für die Vermittlung von Literatur, und was denn uns zu einfacher Sprache in Verbindung mit Literatur einfallen würde?
Für uns war das neu. Ständig damit befasst, ein immer breiteres und größeres Publikum für Literatur zu gewinnen, hatten wir gar nicht den toten Winkel bemerkt, den wir mit uns tragen und den wir gewissermaßen pflegen und in dem sich sieben Millionen Menschen bewegen, die auf einfache Sprache angewiesen sind. Denn bis auf sehr wenige Ausnahmen hat die Buchbranche diesen Lesern nichts anzubieten.
Wir versuchten, uns ein Bild zu machen. Und schnell wurde klar, es gibt kanonische Texte, die in Einfache Sprache übersetzt wurden, von Fachübersetzern. Diese oft schmalen Bücher sind von großer Bedeutung für die Vermittlung von Literatur. Einer der Bestseller des Münsteraner „Spaß am Lesen-Verlags ist „Tschick von Wolfgang Herrndorf. Aber wie jede Übersetzung, so sind (und ich meine ausdrücklich in künstlerischer Hinsicht) diese Übersetzungen rabiate Verlustgeschäfte.
So notwendig es ist, Klassiker wie „Dracula oder „Der Schimmelreiter in Einfache Sprache zu übersetzen, so wichtig schien es uns nun, sich nicht von den vergnüglichen Erhellungs- und Irritationseffekten der Kunst zu verabschieden. Wir wollten noch etwas anderes: die scheinbare...

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