1. – 2. Schuljahr

Christoph Jantzen

Bücher selbst auswählen

Freie Lesezeiten in der Schuleingangsphase

Die Arbeit am Leselehrgang können freie Lesezeiten ergänzen, in denen sich Kinder Bücher aussuchen, die sie allein oder zu zweit lesen. So können die Kinder im schulischen Rahmen individuell und ganz nach ihrem Geschmack Bücher wählen, die sie interessieren und die ihrem Leseniveau und ihrer Lesemotivation entsprechen.

Im Klassenraum der 1c sind 35 Erstlesebücher ausgestellt. Nach und nach kommen die Kinder in die Klasse. Einige gehen zu ihrem Platz. Andere gehen zu einem der Bücher, kommentieren das Titelbild, lesen den Titel, fragen nach, ob sie ein Buch anschauen dürfen. Das animiert andere Kinder, und nach den ersten fünf Minuten der ersten freien Lesestunde sind alle Kinder bei den Büchern.
Bevor die Lesezeit beginnt, fragen wir: „Wer kann denn schon lesen? Alle 23 Kinder melden sich, was vor allem etwas über das Selbstbild der Kinder aussagt, denn viele Kinder entziffern noch sehr mühsam und einige kennen nur wenige Grapheme. „Wer hat denn schon einmal ein ganzes Buch selbst gelesen? Etwa die Hälfte der Kinder meldet sich, einige sagen einen Titel oder worum es in dem Buch geht. „Und wer hat schon einmal ein ganzes Buch vorgelesen bekommen? Fast alle Kinder melden sich und nennen weitere Titel. Genannt werden ganz unterschiedliche Bücher: dünne Bücher, dicke Bücher, Sachbücher, Bilderbücher, Erstlesebücher und Comics.
Warum freie Lesezeiten?
Der alte Rat gilt immer noch: Lies in jeder Woche ein Buch! Laut IGLU-Studie lesen 43 Prozent der Kinder in Klasse 4 fast jeden Tag zu ihrem Vergnügen. Aber 17 Prozent geben an, dass sie nie oder fast nie zu ihrem Vergnügen lesen (Hußmann u.a. 2017, S. 152). Für Kinder, die zu Hause wenig Anregung erfahren, ist es wichtig, dass die Schule ihnen Zeit gibt, zu ihrem Vergnügen zu lesen, aber auch andere Funktionen zu erfahren, zum Beispiel die Entnahme von Informationen. Als eine Erkenntnis aus älteren IGLU-Studien stellt Eva Maria Lankes heraus: „Ein guter Leseunterricht zeichnet sich [] dadurch aus, dass er Kindern viel Zeit zum Lesen gibt, gerade auch für Texte, die sie aus eigenem Antrieb heraus lesen, dass er viele unterschiedliche Textsorten anbietet (Lankes 2009, S. 157).
Hier können Erstlesebücher viel leisten, denn ihre große Vielfalt bietet die Chance, dass jedes Kind ein Buch findet, das sein Interesse weckt. Unterschiedliche Schwierigkeitsgrade des Textes und Lesehilfen bieten eine Differenzierung, die Kinder in freien Lesezeiten nutzen können.
Was ist „freies Lesen?
Wenn von „freiem Lesen gesprochen wird, kann ganz Unterschiedliches gemeint sein. Eine allgemein akzeptierte Definition gibt es nicht. Je nach didaktischer Entscheidung sind freie Lesezeiten offener oder enger angelegt. Während eine gemeinsame Klassenlektüre nur begrenzt Freiräume eröffnet (z.B. wie schnell darf das Kapitel oder Buch von den einzelnen Kindern gelesen werden?), gibt es bei der selbstständigen Lektürewahl mehr Freiräume. Dafür sollten unterschiedliche Ebenen bedacht werden:
  • Was wird gelesen?
  • Wann wird gelesen?
  • Mit wem wird gelesen?
  • Wo wird gelesen?
  • Was schließt sich an das Lesen an?
Was wird gelesen?
Kinder können Bücher von zu Hause mitbringen. Lehrerinnen und Lehrer können Bücher für die Klassenbibliothek bereitstellen. Die Klasse kann die Schulbibliothek oder eine öffentliche Bücherei besuchen. In all diesen Fällen ist es möglich, dass Kinder sich selbst Bücher aussuchen.
In den beiden Klassen eines Forschungsprojekts wird eine breite Auswahl an Erstlesebüchern für die Klassenbibliothek bereitgestellt, mit verschiedenen Themen, Genres, Schwierigkeitsgraden und didaktische Hilfen. Es sind darunter sehr einfache Lesehefte aus der Tobi-Reihe, aber auch Bücher, die von den Verlagen einer höheren Lese- oder Klassenstufe zugeschrieben werden (eine Empfehlungsliste mit geeigneten Erstlesebüchern finden Sie in M1 ).
Die Buchauswahl ist am Anfang auf 35 Bücher...

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