3. – 4. Schuljahr

Claudia Zingg Stamm und Ursula Käser-Leisibach

Zwischen den Zeilen hören

Ein Bewusstsein entwickeln für den Sprechausdruck

Je nach Art der Stimmführung kann man den Zuhörenden neben den rein verbalen Inhalten noch viel mehr zu verstehen geben. Cest le ton qui fait la musique! Diesen Reichtum des Sprechausdrucks können schon Grundschulkinder bewusst erkunden.

Der Blick auf die paraverbale Dimension
Schon Säuglinge reagieren sensibel auf Gefühlslagen, die über die Stimme transportiert werden. Im Vorschulalter bis weit in die Schulzeit hinein lieben Kinder es, wenn ihnen vorgelesen wird, ganz besonders dann, wenn den Figuren charakteristische Figurenstimmen verliehen werden. Außerdem verfügen Kinder bereits im Vorschulalter über gute eigene Sprechausdruckskompetenzen, die sie beispielsweise in Rollenspielen einsetzen, um eine bestimmte Figur oder eine kommunikative Spielsituationen stimmlich zu gestalten (Bose 2001). In diesem Sinne bringen Kinder, die vielfältige Hör- und Sprecherfahrungen gemacht haben, schon vor dem Schriftspracherwerb ein gut ausgebildetes Sensorium für paraverbale Signale mit.
Die Fähigkeit, paraverbale Signale wahrzunehmen, zu dekodieren und in die Informationsverarbeitung zu integrieren, kann für das gelingende Verstehen entscheidend sein, insbesondere dann, wenn nicht jedes Wort verstanden wird. Es ist anzunehmen, dass das gezielte Nutzen solcher Kompetenzen gerade auch für fremdsprachige Kinder das inhaltliche Hörverstehen unterstützt. Die Redundanzen auf der verbalen und der paraverbalen Ebene erhöhen die Chance, dass das Verstehen gelingt. So lässt sich beispielsweise in einem Hörtext besser als beim Lesen desselben Textes nachvollziehen, in welcher emotionalen Verfassung eine literarische Figur sich befindet (Müller 2012, S. 76).
Im Unterricht sollte daher, wenn Sprechen, Zuhören und Hörverstehen geübt werden, durch entsprechende Aufgabenstellungen auch eine Sensibilisierung für die Wahrnehmung paraverbaler Signale stattfinden: Was lässt sich durch die Art und Weise, wie etwas gesagt wird, als Zuhörerin oder Zuhörer zusätzlich in Erfahrung bringenW?as kann ich mit der Art und Weise, wie ich als Sprecherin oder Sprecher etwas sage, über den verbalen Inhalt hinaus zum Ausdruck bringen, verstärken oder abschwächen? Wie können bestimmte Emotionen zum Ausdruck gebracht werden? Wie klingt es, wenn man traurig oder wütend ist?
Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen soll einerseits über die Rezeption, das genaue Hinhören, aber auch über die Produktion, das Experimentieren mit der eigenen Stimme, geschehen. Immer wieder sollen die Kinder auch zur Sprachreflexion angeregt werden, um einen bewussten Blick auf die paraverbale Dimension zu richten. Die Thematik lässt sich neben verschiedenen Bereichen des mündlichen Sprachhandelns auch sehr gut mit Wortschatzarbeit und mit dem Umgang mit Texten und Medien einschließlich des Lesens verbinden.
Wie eine solche Einbettung der paraverbalen Signale in Sprachhandlungen aussehen kann, soll hier anhand einer Aufgabenauswahl aus dem Lehrmittel „ohrwärts aufgezeigt werden (Zingg Stamm u.a. 2014).
Zungenbrecher-Varianten
„Acht alte Ameisen aßen abends Ananas. Mit bekannten oder erfundenen Zungenbrechern experimentieren die Kinder mit verschiedenen paraverbalen Signalen und Sprechausdrucksvarianten. Zuerst üben sie den Zungenbrecher, bis sie ihn flüssig und auswendig sprechen können. Dann probieren sie Varianten aus:
  • langsam/schnell, laut/leise (flüsternd), mit hoher/tiefer Stimme;
  • als Frage, als Aussage;
  • immer ein anderes Wort wird deutlich betont (wie verändert sich der Inhalt?);
  • mit verschiedenen Emotionen: wütend, traurig, ängstlich, gelangweilt etc.;
  • Einbezug von Zungenbrechern aus den Erstsprachen der Kinder mit einem Gespräch über den Klang und besondere Laute der jeweiligen Sprache.
Die Kinder tragen sich die verschiedenen Varianten vor, die Wirkung wird im Plenum besprochen.
Bilder zu einem Lautgedicht...

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