1. – 4. Schuljahr

Stefan Roszak

Stadtgeflüster die Stadt zum Sprechen bringen

Ein Kompositionsprojekt zum Thema Soundscapes

Kinder erforschen in jahrgangsgemischten Teams mit den Ohren ihre großstädtische Lebenswelt, machen Aufnahmen, schneiden, bearbeiten und sammeln die Klänge in Soundarchiven und komponieren aus diesen Samples am Computer ihre eigene elektronische Musik.

In diesem Projekt geht es darum die eigene Stadt bzw. Lebenswelt als ästhetischen Klang- und Erfahrungsraum zu entdecken.1 Das Klischee der Großstadt sagt ja eher, dass es hier nicht nur viel, sondern vor allem zu viel zu hören gibt. Denn unter akustischen Vorzeichen werden Städte, proportional zu ihrer Größe, insbesondere mit Lärm identifiziert.
Klangvielfalt entdecken
Eine Großstadt wie Berlin ist jedoch nicht nur laut, sondern steckt voller faszinierender Klänge. Mehr noch: Die Stadt ist eine nicht versiegende Klangquelle, in der man selbst ruhige und stille Orte findet, mitunter sogar mehr Singvögel als auf dem Land hören kann. In ihrer Klangvielfalt und -fülle ist die „Sinfonie der Großstadt wahrscheinlich sogar kaum zu übertreffen vorausgesetzt, man hört wirklich genau hin und zu. Denn ohne offene Ohren und bewusstes Zuhören oder besser: Lauschen rauscht der Sound der Großstadt nurmehr als undifferenziertes Band an uns vorbei, wird vom Bewusstsein entweder selektiv ausgeblendet oder eben nur noch als störender Lärm wahrgenommen.
Eine ästhetische Hörperspektive einnehmen
Ein musikhistorisch einflussreicher Text von John Cage (s. Kasten), der bereits aus dem Jahr 1937 stammt, war gleichsam das Credo unseres Projekts: die Stadt zum Sprechen zu bringen, indem wir sie zum Musikinstrument machen.
infokasten
Zwei Pioniere der Klangästhetik
In der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts waren es vor allem zwei Komponisten, die auf das eigentlich paradoxe Hörphänomen hingewiesen haben, dass die Fähigkeit und Bereitschaft aufmerksam auf Klänge der Umgebung zu hören mit wachsender Sensibilität des Hinhörens zugleich auch die Fähigkeit des gezielten Weghörens fördert. „Ear Cleaning nennt der kanadische Komponist und Pionier der Hörforschung Raymond Murray Schafer das (Schafer 1967). Er war es auch, der analog zum Begriff „Landscape das Wort „Soundscape erfand, um damit die akustische Erscheinung von Orten und Räumen als „Klanglandschaften zu bezeichnen (Schafer 1977).
Neben dem Hörforscher und Komponisten Raymond Murray Schafer ist in diesem Zusammenhang der Komponist John Cage zu nennen. Cage hat seine musikästhetische Grundhaltung auf folgende Formel gebracht: „Wo immer wir auch sein mögen, meistens hören wir Geräusche. Beachten wir sie nicht, stören sie uns. Hören wir sie uns an, finden wir sie faszinierend. Das Geräusch eines Lastkraftwagens bei 50 Stundenkilometer. Atmosphärische Störungen im Radio. Regen. Wir wollen diese Klänge einfangen und beherrschen, nicht um sie als Klangeffekte einzusetzen, sondern als Musikinstrumente. (Cage 1973, S. 82)
Dazu bedarf es zunächst einer ebenso einfachen wie radikalen Veränderung unserer Wahrnehmungseinstellung von einer pragmatischen zu einer ästhetischen Wahrnehmungsperspektive. Das Geräusch eines vorbeifahrenden LKWs erschöpft sich dann nicht mehr in der bloßen Identifikation mit dem Gegenstand, der ihn hervorbringt, sondern wird eigenständig als Klang wahrgenommen, der viele Nuancen und musikalische Eigenschaften (Parameter) besitzt: Klangfarben, Lautstärken, Tondauern und -höhen, die sich in Zeit und Raum ereignen und dabei ständig verändern. Klänge emanzipieren sich auf diese Weise vom Objekt. So ist der Satz von Cage zu verstehen, dass Alltagsklänge zu Musikinstrumenten werden. Diese ästhetische Hör-Perspektive einzunehmen, ist so verblüffend einfach es klingen mag keineswegs ein Kinderspiel. Sie verlangt Übung und Konzentration.
Auf Klangexpedition
Um den Kindern den Zugang zu dieser Wahrnehmungseinstellung zu erleichtern, kombinieren wir sie von Anfang an mit...

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