1. – 4. Schuljahr

Margarete Imhof

Schlüsselkompetenz Zuhören

Voraussetzung und Ziel für Lernen im Grundschulalter

Wann und wie lernen Kinder zuzuhören? Und warum bringen nicht alle Kinder die Fähigkeit zuzuhören in die Grundschule mit? Es sind vier Schritte, die ein gelungenes Zuhören erfordert. Sie werden hier skizziert erläutert.

Zuhören als erste Sprachkompetenz
Zuhören ist sowohl diejenige Sprachkompetenz, die Menschen als erste entwickeln, als auch diejenige, die Menschen im Alltag am häufigsten nutzen. Zuhören ist aber auch der Teil der Sprachkompetenz, die in Schule und Unterricht am wenigsten gelehrt wird, denn Zuhören geschieht scheinbar nahezu mühelos: Zuhören kann doch jeder, irgendwie.
Unbestritten ist, dass Zuhören eine notwendige Komponente von Kommunikation und Lernen auch und gerade im Unterricht ist. Es wird erwartet, dass Schülerinnen und Schüler miteinander sprechen, einander zuhören und voneinander lernen. Die Präsentation von Stoff oder von Erklärungen durch die Lehrerin erfordert als Gegenstück die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, effektiv zuzuhören.
Zunehmend spielen in der Schule auch digitale Medien eine Rolle, Audio-Texte oder Videos, bei deren Rezeption Zuhörkompetenzen erforderlich sind (Imhof 2008; für eine Übersicht über die Zuhörkompetenzen s. M1). Aber: Wann und wie lernen die Schülerinnen und Schüler eigentlich zuzuhören? Wieso geht die Erwartung häufig nicht auf, dass die Kinder die Fähigkeit zum Zuhören in die Grundschule mitbringen?
Ähnlich wie verstehendes Lesen mehr ist als die Identifikation von visuellen Zeichen, ist das Zuhören mehr als das Erkennen von Lauten. Wie kann man sich das Zuhören vorstellen? Was passiert beim Zuhören im Kopf? Was muss man können, um effektiv zuzuhören, und wie kann man das lernen?
Zuhören ist aktiv und ein mehrstufiger Prozess
Zuhören ist nur zum Teil beobachtbar, weil sich die wesentlichen Prozesse im Kopf, also mental, abspielen. Man meint gelegentlich, Zuhören am Verhalten „ablesen zu können, zum Beispiel, wenn Schülerinnen und Schüler Blickkontakt zur Lehrerin halten, wenn sie Nebentätigkeiten einstellen oder durch die Körperhaltung eine konzentrierte Spannung signalisieren. Mit dieser Einschätzung kann man jedoch ganz und gar falsch liegen. Zuhören ist ein mehrstufiger Prozess der Informationsverarbeitung. Es ist ein zielgerichteter, absichtsvoller Prozess der Selektion, Organisation und Integration von Information aus verbalen und nonverbalen, in mündlicher Kommunikation vermittelten Signalen (Imhof 2010; s. Grafik).
1. Zuhören wollen und Aufmerksamkeit ausrichten
Schritt 1 beim Zuhören ist, dass der Zuhörer eine Absicht zum Zuhören entwickelt. Der Mensch kann seine Ohren nicht zuklappen und damit den Hörsinn kaum ausschalten. Wir nehmen dauernd akustische Reize wahr, sogar im Schlaf. Hören wird zum Zuhören, wenn der Hörer seine Konzentration auf den Schall, die Rede oder den Klang richtet.
Zuhören findet statt, wenn der Zuhörer neugierig ist, ein Ziel hat. Was so ein Ziel sein kann, hängt von vielen Faktoren ab: Schülerinnen und Schüler hören gebannt zu, wenn jemand eine Geschichte erzählt, weil sie das Ende wissen wollen; sie hören zu, weil sie eine Meinung interessant finden, weil sie bei einer Geschichte mitfühlen, weil sie sich ein wenig „gruseln mögen oder weil sie wissen wollen, was die Lehrerin von ihnen erwartet. Ohne Zuhörabsicht bleibt es beim Hören mit der Folge, dass man das eine oder andere eher zufällig „aufschnappt.
2. Informationen auswählen
Schritt 2 beim Zuhören erfordert, dass der Zuhörer aus der Fülle der Signale diejenigen auswählt, die in einer Situation oder für eine Aufgabe wichtig sind. Der Zuhörer muss Laute erkennen, Wörter heraushören und zugleich Gesten, Stimmlage, Tonfall, Mimik und Gestik mit aufnehmen, um zu verstehen, was jemand sagen will. „Thomas! kann je nach Sprechgeschwindigkeit, Tonfall, Lautstärke und Gesichtsausdruck heißen: „Sei leise, aber sofort! Oder: „Mich interessi...

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