1. – 4. Schuljahr

Alfred Wildfeuer

Nicht-verstehen-Können oder -Wollen?

Zum gesellschaftlichen Umgang mit sprachlicher Variation

Abweichungen von der Norm fordern vom Gegenüber eine zugewandte Haltung ein, das gilt auch für das Hörverstehen. Wenn Menschen mit Akzent oder Dialekt in einem standardsprachlich geprägten Umfeld sprechen, liegt Missverstehen auf der Hand es sei denn, die Abweichung wird als Beispiel von Vielfalt und Bereicherung wahrgenommen.

Gelegentlich findet man in Online- und Printmedien fast anekdotenhafte Meldungen zu aussprachebedingten Verständnisproblemen meist in Zusammenhang mit Buchungen von Reisen. Ein schönes, geradezu prototypisches Beispiel tauchte 2012 auf SPIEGEL online auf:
Reisebüro-Panne: Sächsische Kundin bucht Bordeaux statt Porto
Eine undeutliche Aussprache im Reisebüro kann teuer werden. Fast 300 Euro muss eine Kundin aus Sachsen für einen Flug zahlen, den sie nie angetreten hat weil sie den gewünschten Zielort Porto dialektbedingt nicht klar artikulierte.1
Betrachtet man die Meldung etwas genauer, dann lässt sich vermuten, dass hier das Missverstehen seine Ursache auf beiden Seiten hat also auf Sprecher- und Hörerseite zu suchen ist. Denn neben einer dialektbedingten Aussprache der Konsonanten <p> und <t> als „weiches <b> und <d> ist davon auszugehen, dass die Betonung der einzelnen Silben durchaus nach dem Muster von Porto (auf der ersten Silbe und daher typisch für das Deutsche) und nicht dem von Bordeaux (auf der zweiten Silbe und daher untypisch für das Deutsche) folgte.
Das beauftragte Reisebüro hätte also die Gefahr eines Nichtverstehens leicht erkennen und genauer nachfragen können. Der Einwand ist somit durchaus berechtigt, ob beim konkreten Beispiel das Falschverstehen nicht ursächlich auf Seiten des Hörers zu suchen ist, ob statt einem Nicht-Verstehen-Können ein Nicht-Verstehen-Wollen Grund für die missglückte Buchung war.
Von der Abwertung dialektalen Sprechens zum Nicht-Verstehen-Wollen
Was steckt hinter solchen Meldungen? Basis dürfte eine wertende Haltung zur sprachlichen Variation sein, die unterschiedliche Sprechweisen als schön oder unschön bzw. richtig oder falsch markiert. Als Basis für diese Einstellung können sprachliche Ideologien (Maitz/Elspaß 2013) ausgemacht werden, die unwissenschaftliche Glaubensweisheiten zu sprachlicher Variation wiedergeben.
Die Sprachwissenschaft hat in den letzten Jahren erkannt und dezidiert herausgearbeitet, dass eine grundlegende Ideologie in Deutschland die sogenannte Standardsprachideologie darstellt (Maitz/Elspaß 2013). Das heißt, Abweichungen vom vermeintlichen Standard, der vor allem an den Aussprachegewohnheiten einer norddeutsch geprägten Umgangssprache orientiert ist, werden tendenziell negativ bewertet und häufig zum Gegenstand von Spott oder zumindest als Makel empfunden. Die eingangs vorgestellte Meldung dient der Unterhaltung, vielleicht auch Belustigung des Medienrezipienten und stellt zumindest indirekt eine sprachliche Minderheit bloß die der Sächsisch Sprechenden. Damit ist prinzipiell der Weg frei für ein Nicht-Verstehen-Wollen.
„Gute und „schlechte Varietäten
Zum Gegenstand der Belustigung werden nicht alle Varietäten des Deutschen gleichermaßen, es gibt Dialekte, die mehr akzeptiert sind, und welche, die als unschön bewertet werden. Daher dürfte es kein Zufall sein, dass die oben angeführte Meldung von SPIEGEL online ein Beispiel aus Sachsen aufgreift und damit indirekt den sächsischen Dialekt diskreditiert.
Der von der Sprachwissenschaft als obersächsisch-ostmitteldeutsch klassifizierte Dialekt wird im Folgenden den umgangssprachlichen Konventionen folgend als Sächsisch bezeichnet. Diese Varietät ist im Laufe der Sprachgeschichte in der Hörergunst tief gesunken. Die Rangliste der Dialekte, die in Deutschland die meiste Ablehnung erfahren, wird vom Sächsischen angeführt. 54 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut Allensbach im Jahr 2008 Befragten mögen diese Varietät nicht.2...

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