1. – 4. Schuljahr

Kati Baumgarten und Johannes Hennies

Hörgeschädigtenkunde in der Inklusion

Identitätsarbeit und Empathievermittlung

Wie können Themen des Fachs „Hörgeschädigtenkunde in einer inklusiven Klasse behandelt werden, ohne dass dadurch eine Sonderrolle für das hörgeschädigte Kind entsteht? Ein Praxisbeispiel.

Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne eine Hörschädigung ist bereits seit den 1960er-Jahren ein erprobtes Modell, betrifft aber traditionell eher Kinder mit besseren lautsprachlichen Kompetenzen (Hennies 2012; Truckenbrodt/Leonhardt 2015). Mit der Umsetzung der Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK, Vereinte Nationen 2006) haben nun auch Kinder und Jugendliche mit hochgradiger Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit, bei denen auch Bedarf für eine Förderung in Deutscher Gebärdensprache (DGS) besteht, einen Anspruch auf einen gemeinsamen Unterricht mit den hörenden Kindern in der wohnortnahen Schule.
Seit einigen Jahren ist im Rahmen der Hörgeschädigtenschule die Bedeutung der Identitätsarbeit mit Schülerinnen und Schülern mit einer Hörschädigung erkannt worden. Konkret geht es dabei um das notwendige Wissen über die Hörschädigung, ein positives Selbstbild, Strategien zum Umgang mit Kommunikationshürden und eine Identifikation mit anderen Menschen mit einer Hörschädigung. Teilweise werden diese Inhalte in Schulprojekten oder Arbeitsgemeinschaften behandelt und teilweise ist dafür sogar ein eigenes Unterrichtsfach „Hörgeschädigtenkunde eingerichtet worden (Becker 2010). Außerdem gibt es einige bereits ausgearbeitete Unterrichtsideen und -einheiten sowie Erfahrungsberichte (Mende-Bauer 2007; Schmidt 2008; Reineboth 2015).
Besonderheiten der Umsetzung in inklusiven Gruppen
Da Hörschädigungen sehr selten sind, befindet sich bei einer wohnortnahen Beschulung meist nur ein Kind mit einer Hörschädigung in einer Regelklasse. Nur sehr selten sind es mehrere gehörlose oder schwerhörige Kinder. Für deren Unterricht sind die Regelschullehrerinnen und -lehrer verantwortlich, die im Idealfall einmal wöchentlich eine Unterstützung durch ambulante Sonderschullehrerinnen und -lehrer erhalten.
Das bedeutet, dass die vorliegenden Unterrichtskonzepte des Fachs „Hörgeschädigtenkunde, die für die Hörgeschädigtenschule entwickelt worden sind, für den Unterricht in der Inklusion adaptiert werden müssen. Das betrifft zunächst einmal den zeitlichen Rahmen der Unterrichtseinheit: Während in vielen Hörgeschädigtenschulen hierfür ein wöchentlicher Stundenanteil vorgesehen ist, hängt er in der Inklusion sehr stark davon ab, welche Bereitschaft die jeweiligen Lehrerinnen und Lehrer an den Regelschulen haben, sich auf das Fach einzulassen.
Es bietet sich an, dass für diesen Unterricht die Regelschullehrerinnen und -lehrer und die Sonderpädagoginnen und -pädagogen kooperieren und letztere wegen ihres Fachwissens und ihrer didaktischen Erfahrung gegebenenfalls die Hauptverantwortung übernehmen. Der zeitliche Rahmen kann dabei von einer einmaligen Doppel- oder Einzelstunde bis hin zu einer über das ganze Halbjahr verteilten Unterrichtseinheit oder einem Projekt gehen. Dabei muss auch geklärt werden, in welchem Fach diese Inhalte dann unterzubringen sind; häufig wird das Thema im Sach- oder Religionsunterricht behandelt.
Die Unterrichtseinheit sollte jedoch nicht als eine Extrastunde nur für die Schülerinnen und Schüler mit einer Hörschädigung wahrgenommen werden. Zwar freuen die sich häufig, dass ihre Situation berücksichtigt wird, können aber die Aufmerksamkeit für ihre Person auch als unangenehm wahrnehmen.
Gerade im Grundschulalter kann es sein, dass sie zu der eigenen Hörschädigung noch gar kein Verhältnis haben oder sich nicht trauen, dazu offen und selbstbewusst zu stehen. In Bezug auf die Akzeptanz der Hörschädigung sind die hörgeschädigten Kinder in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien.
Thema Gebärdensprache
Eine Möglichkeit, den Fokus von dem hörgeschädigten Kind zu...

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