1. – 4. Schuljahr

Karin Vach und Claudia Rathmann

Hören und Zuhören

Überlegungen zu zwei oft vernachlässigten Kompetenzen

Dem Hören und Zuhören ist in den letzten Jahren immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven Aufmerksamkeit zuteil geworden. Obwohl wir augenscheinlich in einer Welt leben, in der das Visuelle eine dominante Rolle spielt, ist eine Kultur des Hörens entstanden.1

Kultur des Hörens
Schon in den 1980er-Jahren machte Joachim-Ernst Berendt (1989) auf die Leistungen des Ohres aufmerksam und trat für das Hören als Weltentdeckung und menschliche Zuwendung ein. In den 1990er- und 2000er-Jahren kam es im kulturellen, sozialen und pädagogischen Bereich zu zahlreichen Initiativen. Die „Schule des Hörens (1996) und die „Stiftung Zuhören (2002) wurden gegründet, Klangevents veranstaltet oder Kurse zur Kunst des Hörens und Zuhörens durchgeführt.
Mit der Jahrtausendwende konnte zudem ein regelrechter Hörmedienboom verzeichnet werden. Die digitale Medientechnologie ermöglichte es, dass die kleiner und leichter gewordenen Trägermedien, wie etwa MP3-Player oder Smartphones, sich als fortwährende Begleiter in unserem Alltag etabliert haben. Angesichts der großen Zuwachsraten im Hörbuchsektor wurde bereits eine neue Lust des Hörens verzeichnet (Bernius u.a. 2006).
Dabei darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass es bei der alltagsbegleitenden Nutzung von Hörangeboten mitunter weniger auf die ausschließliche Zuwendung, sondern mehr auf das Hören als Sekundärtätigkeit ankommt. Im Sinne eines „double your time können Musik und Hörbücher auf das Smartphone heruntergeladen und bei der Verrichtung verschiedener Tätigkeiten quasi nebenbei gehört werden.
Hörereignisse in unserem Alltag
Hörereignisse beeinflussen von jeher unser Verhalten und Handeln. Die angewandte Akustikforschung weiß längst, dass es beispielsweise bei der Vermarktung eines Produkts nicht nur auf die optische Ausstattung ankommt, sondern dass die akustische Wirkung ebenso den Kauf beeinflusst. Schließlich hat der Mensch über Millionen von Jahren bestimmte Geräuschmuster gespeichert und gelernt, dass es überlebenswichtig ist, akustische Signale wahrzunehmen.
Vor diesem Erfahrungshintergrund deuten wir akustische Informationen, schätzen den Wert eines Produkts oder den Erfolg einer ausgeführten Handlung ein: Die Autotür soll mit einem „satten Klang und nicht blechern ins Schloss fallen; die Effizienz des Reinigungsporzesses eines Staubsaugers wird nach der akustischen „Performance beurteilt; der Knuspereffekt der Cornflakes soll mit der entsprechenden Rezeptur hörbar gemacht werden und der Supermarktscanner quittiert das erfolgreiche Einlesen des Strichcodes mit dem entsprechenden Ton.
Kakophonie und Symphonie
Da unsere Ohren ungeschützt sind, kommen durch die fortwährende Kakophonie damit sind durch unterschiedliche Geräuschquellen erzeugte Missklänge gemeint und durch den Lärm von Verkehr und Baustellen zunehmend auch Fragen auf zum Lärmschutz, zum Umgang mit Hörstörungen und zur Realisierung von hörsensiblen Umgebungen. So wird beim Bau bzw. bei der Ausstattung öffentlicher Gebäude (Behörden, Großraumbüros, Kindergärten) zunehmend auch auf akustische Aspekte geachtet. Ziel ist es unter anderem, die Ohren vor einem Übermaß an akustischen Reizen zu schützen.
Eine ganz andere Sicht vertreten Klangkünstlerinnen und -künstler, die sich von den unterschiedlichen Tönen, Klängen und Geräuschen der Metropolen zu künstlerischen Produktionen inspirieren lassen (vgl. die Beiträge von Stefan Roszak und Annegret Arnold).
Bedingungen und Faktoren des Hörens und Zuhörens
Die Herausforderungen des Hörens und Zuhörens sind dadurch bestimmt, dass die auditive Wahrnehmung sich auf Vergängliches, Flüchtiges und Ereignishaftes bezieht. Zu hören heißt, Laute wahrzunehmen, die im nächsten Moment bereits verschwunden sind. Inhalte müssen sozusagen in Echtzeit beim Hören verarbeitet werden. Wiederholungen sind oft nicht möglich.
Das macht das...

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