1. – 4. Schuljahr

Stefan Jeuk

Hören in mehrsprachigen Lerngruppen

Vorschläge für den Unterricht

Im Arbeitsbereich DaZ ist das Hörverstehen ein eigenständiger Lernbereich. Aber auch mehrsprachige Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind, brauchen mitunter besondere Unterstützung. Je nach Zusammensetzung der Lerngruppe könnte es also hilfreich sein, den Kindern besondere Hör- und Hörverstehens-Übungen anzubieten.

Hören und Zuhören in den Bildungsstandards
Hören und Zuhören sind in den Bildungsstandards der Grundschule ein Teil des Arbeitsbereichs „Sprechen und Zuhören. In diesem Arbeitsbereich werden das Führen von Gesprächen, das mündliche Erzählen, eine an der Standardsprache orientierte Artikulation, szenisches Spielen usw. genannt. Zuhören wird im Hinblick auf „verstehendes Zuhören thematisiert. Unter anderem sollen die Kinder lernen, Verstehen und Nicht-Verstehen zum Ausdruck zu bringen und „aktiv zuzuhören (Bildungsplan Baden-Württemberg 2016).
Das verweist auf ein methodisches Dilemma: Rezeptive Prozesse sind (von aufwändigen neuromedizinischen Verfahren einmal abgesehen) in ihrer Umsetzung nur durch produktives Verhalten zu beobachten (vgl. Artikel „Beobachten & bewerten). Ob ein Kind etwas verstanden hat, kann nur erschlossen werden, wenn es sich dazu entsprechend (sprachlich) äußert. Die in den Bildungsstandards dargestellten Kompetenzen reflektieren die Annahme, dass Kinder beim Schuleintritt die Unterrichtssprache Deutsch altersgemäß erworben haben und dass es in Bezug auf das Zuhören eher um kommunikative und inhaltsbezogene Kompetenzen geht und weniger um grundlegende Qualifikationen der Sprachaneignung.
Im Arbeitsbereich Deutsch als Zweitsprache, der für mehrsprachige Lerngruppen relevant ist, ist das Hörverstehen demgegenüber ein eigenständiger, grundlegender Arbeitsbereich. Insbesondere Kinder, die während der Schulzeit einwandern, müssen sich die deutsche Sprache als Unterrichtssprache noch aneignen und bedürfen der gezielten Unterstützung auch beim Hörverstehen. Aber auch mehrsprachig aufwachsende Kinder, die in Deutschland geboren sind, benötigen, je nach ihrer Sprachlernsituation, Unterstützung beim Zweitspracherwerb, der sich auch auf das Hörverstehen beziehen muss (Jeuk 2015).
Hören und Zuhören im Spracherwerb
Für das Verstehen einer Sprache sind Fähigkeiten in der Phonologie (auditive Wahrnehmung, auditive Differenzierung, Lautgebung), der Prosodie (Wortbetonung und Sprachmelodie), der Morphologie (Bau der Wörter), der Lexik (Wortschatz und Wortbedeutungen) sowie der Syntax (Satzbau) und der Pragmatik (kommunikative Praxis) entscheidend. Die Kinder müssen aus dem ununterbrochenen sprachlichen Input die sprachlichen Einheiten identifizieren und analysieren, um diese dann selbst verwenden zu können. Das Hörverstehen bildet somit die Grundvoraussetzung für den Spracherwerb und den Schriftspracherwerb, rezeptive Fähigkeiten gehen den produktiven Fähigkeiten somit immer voraus. Schätzungen gehen davon aus, dass der rezeptive Wortschatz bei sechsjährigen Kindern mit 9.000 bis 14.000 Wörtern etwa doppelt so groß ist wie der produktive Wortschatz (Komor 2009, S. 56).
Wird eine zweite Sprache im Kindergarten- oder Schulalter erworben, müssen zunächst die von der Erstsprache abweichenden Laut-, Silben- und Betonungsstrukturen eingeübt werden. Für Kinder, die vor der Einschulung oder im Laufe des Grundschulalters einwandern, ist das in der Regel keine größere Schwierigkeit (Reich 2009, S. 166).
Da mehrsprachige Kinder oft entscheiden müssen, in welcher Sprache sie angesprochen werden und in welcher Sprache sie kommunizieren sollen, lässt sich bei ihnen oft eine etwas höhere phonologische Bewusstheit als bei einsprachigen Kindern beobachten (Bialystock 1999). Da sie schon in ihrer Erstsprache die Lautwahrnehmung und -differenzierung gelernt haben, eignen sie sich die Grundlagen der deutschen Phonologie, Intonation und Prosodie in der Regel relativ schnell an. Dennoch ist zu beachten,...

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