1. – 4. Schuljahr

Susanne Helene Becker

Fabrikhalle oder hörgerechte Schule?

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Die Lärmbelastung in der Schule kann so groß sein wie die in einer Fabrikhalle. Was den Arbeitsschutz betrifft, könnten also alle in den Streik treten. Stattdessen nehmen wir übermäßigen Lärm oft einfach hin. Das lässt sich ändern: Aus einer leisen Schule nämlich kann eine hörgerechte Schule werden, die diesem Sinn Raum zur Entfaltung bietet.

Lange hat es gedauert, bis die schulische Lärmbelastung zum Thema wurde. Klar, Grundschüler sind nicht unbedingt leise. Und wenn dann auch noch die Klasse groß ist, werden akzeptable Dezibelwerte schnell überschritten: Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ermittelte in Klassenzimmern Werte von 60 bis 80 db(A) und eine viel zu hohe Nachhallzeit. Höchstens 55 db(A) sollten es sein; die Nachhallzeit sollte möglichst kurz sein (GEW 2009).
Die ist mindestens eine ebenso bedeutsame Größe wie die Ausprägung des Ausgangsgeräuschs, denn den Gesamtschallpegel in einem Raum bedingt nicht das Ursprungsgeräusch allein; es sind insgesamt drei Faktoren, die die Raumakustik bestimmen: der Direktschall, der innerhalb von 15 Millisekunden reflektierte Schall (sogenannte frühe Reflexionen) und schließlich die Verzögerung und räumliche Ausbreitung des Nachhalls (Nachhallzeit).
Das bedeutet, dass die Aufnahme des Direktschalls von Reflexions- und Halleffekten beeinträchtigt werden kann, die sich durch die Verzögerungen auch noch zeitversetzt überlagern. So kann schnell ein undefinierbarer Klangbrei entstehen. Kein Wunder, dass etwa 15% der Kinder in einer Klasse nicht verstehen, was gerade gesagt wird (GEW 2009).
Das löst Stress aus mit all seinen physischen und psychischen Beeinträchtigungen, wie erhöhter Puls, Kopfschmerzen oder Unkonzentriertheit und Erschöpfung. Hinzu kommt: Lärm setzt selbst dann Stresshormone frei, wenn wir ihn nicht (mehr) bewusst wahrnehmen. Und hierin liegt schon der erste Schlüssel zum Tor für eine „leise Schule: den Lärm wahrnehmen und sich der Quellen bewusst werden.
Wo kommt all der Lärm her?
Am Anfang einer leisen Schule stehen das Wahrnehmen und Nachdenken über den Lärm und am besten auch die Messung der in verschiedenen Räumen und Situationen entstehenden Lärmpegel nicht nur im Klassenraum, sondern auch in Fluren und Treppenhäusern, in der Turn- oder in der Pausenhalle. Subjektive Wahrnehmung und objektive Messung ergeben ein erstes Bild von der spezifischen Lärmbelastung an Ihrer Schule. Einbezogen werden sollten dabei unterschiedliche Faktoren:
  • Das Schulgebäude selbst kann aus Alters- oder Sparsamkeitsgründen am Bau allein schon für eine ungünstige Raumakustik sorgen. Vielfach hat die Architektur keine Schallschutzeffekte vorgesehen, wie beispielspeise entsprechend geformte Decken in Räumen und Fluren, dreifach schallisolierte Fenster oder andere bauliche Schallschutzfänger.
  • Auch die Umgebung, in der die Schule liegt, spielt eine Rolle bei der Summe an belastenden Lärmquellen: eine verkehrsreiche Umgebung, die Lage in der Einflugschneise eines Flughafen oder Baustellen rund um die Schule sorgen für akustische Emissionen auch bei geschlossenen Fenstern.
  • In den Klassenzimmern selbst können weitere Quellen ermittelt werden, wie Geräusche durch die Haustechnik (Heizung, Klimaanlage, Beamer, Computer), durch die Einrichtung (schallerzeugende Bodenbeläge, Tische und Stühle ohne Gleithilfen) sowie dünne Wände, wie sie in älteren Schulgebäuden oft nachträglich zur Raumverkleinerung eingesetzt wurden wenn es überhaupt eine Wand ist: Auch Einbauschränke werden als Raumteiler genutzt und sind natürlich „ideale Schallerzeuger, vor allem, wenn sie leer sind.
  • Zu kleine Räume sind belastend, weil sich auf engem Raum der Direktschall erhöht und nicht nur der Lautstärkepegel enorm steigt, sondern auch die zeitlichen Überlappungen von Geräuschen.
  • Zu große Räume ohne Schallschutzmaßnahmen verursachen durch zu...

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