1. – 6. Schuljahr

Hildegard Gornik

Grammatische Kenntnisse beobachten

Sprachkönnen Sprachbewusstheit Sprachwissen

Was Schülerinnen und Schüler im Grammatikunterricht leisten, lässt sich nur beobachten, wenn sie ihre Leistungen auch zeigen können. Hier werden Aufgabentypen und Verfahren vorgestellt und daraufhin geprüft, ob und in welcher Hinsicht mit ihrer Hilfe Einblick gewonnen werden kann in das Sprachwissen und -können der Kinder.

In der Grundschulzeit erweitern Schülerinnen und Schüler ihre Sprachkompetenz in entscheidender Weise: Ihr Wortschatz steigt sprunghaft an, ihre Gesprächsbeiträge und schriftlichen Texte werden länger, sie sind zunehmend in der Lage, Gedanken miteinander zu verknüpfen, es gelingt ihnen immer besser, intentionsgemäß und adressatenspezifisch zu formulieren. Begleitet und befördert wird dies von einer sich entwickelnden Sprachbewusstheit, die durch den Schriftspracherwerb und den Grammatikunterricht maßgeblich intensiviert wird.
Der Weg in die Schrift ist für die Kinder mit einer Distanznahme von Sprache verbunden, die dazu führt, dass sich grundlegende grammatische Begriffe wie Wort, Satz, Text überhaupt erst entwickeln. Distanznahme ist auch dann nötig, wenn es zum Beispiel gilt, etwas genauer, höflicher oder einfacher auszudrücken, kurz: wenn es darum geht, sprachliche Alternativen abzuwägen.
Die Sache des Grammatikunterrichts ist es, diese Distanznahmen zu unterstützen. Das schließt ein, Kindern zu verdeutlichen, inwiefern sich schriftliche Sprache von mündlicher unterscheidet. Der Grammatikunterricht hilft bei der Entwicklung eines Gefühls für schriftsprachliche Norm. Das gilt gleichermaßen für Kinder, die Deutsch als Erstsprache erworben haben, wie für solche, für die Deutsch Zweitsprache ist.
Aufgaben des Grammatikunterrichts
Perfektionierung von prozeduralem Sprachwissen, von Sprachkönnen, ist also ebenso Aufgabe des Grammatikunterrichts wie die Förderung von Sprachbewusstheit, die vor allem das Schreiben (und Lesen) begleitet. Verbunden wird dies mit der Entwicklung grammatischer Begriffe. Die Schülerinnen und Schüler nehmen Einblick in das System der Sprache, lernen Wörter Wortarten zuzuordnen und zu verstehen, wozu die Wörter dieser einzelnen Wortarten dienen, begreifen, wie Sätze aufgebaut sind, lernen die Wichtigkeit von Satzstellung kennen und wie Sätze zusammenhalten. Wenn bei der Sprachbetrachtung Formen und Funktionen aufeinander bezogen werden, hilft ihnen das auf die Dauer, über ihre Sprache bewusst zu verfügen und sie nicht einfach nur zu benutzen. Und ein gerade für den Unterricht wichtiger Effekt sie können sich miteinander über Sprache verständigen.
Sprachkönnen und Profilanalyse
Wenn Lehrerinnen und Lehrer die Sprachproduktionen ihrer Schülerinnen und Schüler aufmerksam lesen, können sie beobachten, an welchen grammatischen Themen sich die Kinder gerade abarbeiten: ob sie gerade mit Tempusformen beschäftigt sind oder mit den verschiedenen Artikeln des Deutschen experimentieren, wie es bei Zweitsprachlern lange üblich ist, bis Klarheit eintritt, oder ob sie schon Redegegenstände spezifizieren.
In einem ersten Zugriff kann es notwendig sein zu schauen, welche Schritte grammatischer Entwicklung die Kinder bereits bewältigt haben. Hierzu hat Grießhaber die Profilanalyse von Clahsen weiterentwickelt. Die Profilanalyse (z.B. Grießhaber 2013) baut auf der Beobachtung auf, dass der deutsche Satz maßgeblich durch die Klammerstruktur des Verbkomplexes gekennzeichnet ist. Die Klammerstruktur trifft man an bei Konstruktionen mit einem Hilfsverb (Perfekt, Plusquamperfekt, Futur), mit einem Modalverb, und bei Verben mit einem trennbaren Präfix; und auch Subjunktor und Finitum in Endstellung bilden eine Klammer (s. Abb. 1 ).
Folgende Profilstufen werden unterschieden:
  • Das Verb wird in finiter Form benutzt: Der Drache trinkt.
  • Finite und infinite Verbteile werden getrennt: Der Drache hat Milch getrunken.
  • Das Subjekt rückt hinter das Finitum: Abends hatder...

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