1. – 4. Schuljahr

Annette Kracht

„Das Geld hier reinkommt.

Luisa und die Verbendstellung

Modellieren und Reflektieren sind zwei zentrale Mittel, um Kinder wie Luisa, die unter einer grammatischen Entwicklungsstörung leiden, in ihrer Entwicklung zu unterstützen. So können auch sie mit der Zeit die relevanten Satzstrukturen erwerben und so ihre sprachliche Handlungsfähigkeit ausbauen.

Eine grammatische Entwicklungsstörung
Luisa, eine sechsjährige Schülerin, die gerade eingeschult wurde und Deutsch als Erstsprache erwirbt, ist Rückfragen gewohnt, wenn sie sich sprachlich äußert. Ihr Sprachgebrauch zeigt häufig eine Verbendstellung in einfachen Hauptsätzen (Du mal sagen) und koordinierten (Das Geld hier reinkommt und Fotos da hinlegen). Der Kommunikationspartner weiß dann oft nicht genau, was Luisa sagen möchte: Ist es eine Aufforderung (Sag du mal!), eine Feststellung (Das Geld kommt hier rein.) oder eine Frage (Das Geld soll hier rein?)?
Wenn sprachliche Äußerungen nicht so präzise formuliert sind, wie wir es gewohnt sind und erwarten, werden Gespräche häufig unflüssig, geraten ins Stocken und beide Seiten sind verunsichert. An Luisas Sprachgebrauch wird der Zusammenhang von Form und Funktion in Bezug auf die Bedeutung grammatischer Mittel gut deutlich. Fehlen Luisa die grammatischen Formen für das, was sie sagen möchte, kommt sie schwerer oder langsamer zum Ziel ihre sprachliche Handlungsfähigkeit (persönliche Ziele mit sprachlichen Mitteln zu verfolgen) kann kurzfristig oder auf Dauer eingeschränkt werden. Das kann in der Folge zu Frustration und auch Lernbeeinträchtigungen führen (Kasten 1).
Kasten 1: Die grammatische Entwicklungsstörung
Kasten 1: Die grammatische Entwicklungsstörung
Die grammatische Entwicklungsstörung tritt in der Regel nicht isoliert auf, sondern im Kontext einer Sprachentwicklungsstörung (SES). Sie zeigt sich primär im grammatischen, phonologischen und semantisch-lexikalischen Bereich. Kennzeichnend ist eine stagnierende Sprachentwicklung, sodass Kinder die so genannten Meilensteine der Sprachentwicklung (vgl. die Schichten 1 – 3; siehe Kasten2) nicht in dem Zeitraum und in der Qualität entwickeln, wie es normalerweise von Kindern erwartet wird.
Aufgrund der sprachsystematischen Regelhaftigkeiten der deutschen Sprache und der mit ihnen verbundenen Entwicklungsansprüche sind bei einer SES im grammatischen Bereich vor allem die Satzklammer (Subjekt-Verb-Kongruenz und Verbzweitstellung) und weitere Formen der grammatischen Kongruenz in der Nominalphrase betroffen (den kleinen Hund anstatt dem kleinen Hund; auf das Stuhl anstatt auf dem Stuhl).
[Vgl. Dannenbauer 2002; Kracht 2006]
Sprachliches Modellieren und Repräsentieren
Luisa wird im Unterricht von einer Sprachheilpädagogin in ihrer grammatischen Entwicklung unterstützt, und die Klassenlehrerin wird im Hinblick auf unterrichtliche Unterstützungsangebote beraten (Kasten 2).
Kasten 2: Grammatische Entwicklung
Kasten 2: Grammatische Entwicklung
Für die diagnostische Einschätzung der grammatischen Entwicklung ist ein Entwicklungsmodell notwendig, um die Erwartungen an die Sprachentwicklung auf eine verlässliche Grundlage stellen zu können. In Anlehnung an das Schichtenmodell von Tracy wird für die grammatische Entwicklung (ohne Einwortsätze von drei Schichten ausgegangen:
1. Schicht: Erwerb elementarer Satzstrukturen/Wortkombinationen (Altersangabe beim Erstspracherwerb: bis zum 3. Lebensjahr; Kontaktzeit beim Zweitspracherwerb: nach spätestens sechs Monaten)
  • Lena Garten spielen.
2. Schicht: Erwerb der Satzklammer im Hauptsatz (Altersangabe beim Erstspracherwerb: bis spätestens zum 4. Lebensjahr; Kontaktzeit beim Zweitspracherwerb: nach spätestens 24 Monaten)
  • Benni geht raus.
  • Linda möchte Eis kaufen.
3. Schicht: Erwerb komplexer Syntax und grammatischer Kongruenz (Altersangabe beim Erstspracherwerb: bis zum 5. Lebensjahr; Kontaktzeit beim Zweitspracherwerb: Koordination von Hauptsätzen und Subordination von Nebensätzen...

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