3. – 4. Schuljahr

Anja Wildemann

Wenn von Mäuserichen und Gleichmut die Rede ist

Oder: Das Sprechen über Sprache und Sprachwandel

Sprachliche Ausdrucksweisen und Sprachveränderung lassen sich an Fabeln gut sichtbar machen. Beim Sprechen über die Fabel-Sprache werden die Schülerinnen und Schüler aufmerksam für sprachliche Normen, ihren Gebrauch und ihre Veränderung im Laufe der Zeit.

Die Fabel „Der Fuchs und der Esel von Äsop (s. Kasten) besteht aus 86 Wörtern und nur vier Sätzen, es handelt sich somit um eine sehr kurze Erzählung. Die Wörter und Sätze haben es aber in sich, da sie Repräsentanten für eine „andere Sprache und in gewisser Weise auch einer anderen Zeit sind.
Erste Fabeln lassen sich schon Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. nachweisen. Zu den bekanntesten gehören die des griechischen Dichters Äsop, der um 600 v. Chr. lebte. Wen wundert es da, dass uns die Sprache oft seltsam und fremd anmutet, wenn wir heute Fabeln hören oder lesen. Im Deutschunterricht werden Fabeln in der Regel als Lehrtexte bearbeitet, wobei die Schülerinnen und Schüler aufgefordert sind, sich mit der moralischen Aussage auseinanderzusetzen.
Sehen wir einmal davon ab, dass die Lehre einiger Fabeln durchaus kritikwürdig ist, und bleiben auf der sprachlichen Ebene, dann eröffnen Fabeln einen interessanten Blick in die Sprachgeschichte. In ihnen finden sich Wörter wie höhnen, einfältig, prächtig, betrübt, Gleichmut, jämmerlich, Schar, um nur einige zu nennen. Eingebettet in eine poetische Sprache führen sie zu Sätzen wie: „In Anbetracht der Schar Vögel, die ihn von den Bäumen aus beobachteten, drehte er sich schließlich um. („Die sauren Trauben von Jean de La Fontaine)
Interessanterweise gibt es im Internet einen Markt für Fabeln und deren Aufbereitung für den Deutschunterricht. Dort geht es neben der Moral vor allem um die äußeren Merkmale der Fabel. So gut wie immer werden Stil und Sprache der Fabel als einfach beschrieben. Aber ist das wirklich so?
Betrachtet man nur wenige Fabeln einmal genauer, wird schnell deutlich: Das ist nicht die Sprache, in der Kinder (und Erwachsene) sprechen, sie unterscheidet sich als eine poetische Sprache deutlich von der gesprochenen Alltagssprache wie im Übrigen auch andere literarische und lyrische Texte. Nimmt man beispielsweise das Gedicht „Abendlied (Über allen Gipfeln ist Ruh, ) von Goethe, ergeht es uns ganz ähnlich, da die Sprache in einer besonderen Weise geformt und verdichtet ist.
Fabeln präsentieren keine einfache Sprache und sind daher auch nicht immer ohne Weiteres zu verstehen. An Fabeltexten kann man sich sprachlich reiben, aber auch erfreuen ein guter Ansatz für Sprachbetrachtung im Unterricht der Grundschule.
1. Schritt: Auf Sprache aufmerksam werden
Die Schülerinnen und Schüler bekommen die Fabel „Der Fuchs und der Esel von Äsop auf einer DIN-A3-Vorlage und haben zunächst ausreichend Zeit, die Fabel zu lesen. Danach markieren sie alle Wörter und Sätze, über die sie mit den anderen sprechen wollen. Die Aufgabe dazu lautet: „In dem Text sind fremde, ungewöhnliche und schwierige Wörter und Sätze. Markiere alle Wörter, über die du sprechen möchtest, mit einem gelben Stift. Unterstreiche alle Sätze, über die du sprechen möchtest.
Auch die Lehrerin hat in der eigenen Vorlage, die die Kinder nicht kennen, Wörter und Sätze markiert, die sie mit ihnen untersuchen will. Dabei ist davon auszugehen, dass die Kinder auch andere Wörter und Sätze herausstreichen als die Lehrerin oder der Lehrer. Kinder streichen, je nach Sprach- und Lesekompetenz, beispielsweise Wörter an wie warf, spazierte, voller, täte etc. Auch haben einige Kinder noch Schwierigkeiten beim Verstehen komplexer Sätze wie zum Beispiel: „Mein Lieber, auch ich würde vor dir erschrecken, wenn ich dich nicht an deinem ‚Ia erkannt hätte.
Wichtig ist, dass alle Markierungen der Kinder akzeptiert und thematisiert werden, um auf diese Weise allen zu ermöglichen, ihre Vorstellungen, Fragen und Ideen einzubringen,...

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