3. – 4. Schuljahr

Karin Vach

Geiz macht einsam

„Das Gold des Hasen von Baltscheit & Schwarz

Ein eindrucksvolles Bilderbuch fordert mit seinen Illustrationen dazu heraus, die klassischen Fabelfiguren vor dem Hintergrund der eigenen Leseerfahrungen umzudeuten und neu zu profilieren.Die Tierfabel

„Das Gold des Hasen ist eine Tierfabel über die Gier nach Reichtum und die Angst, ihn wieder zu verlieren. Ganz in der Tradition der Gattung entfaltet Baltscheit die Fabelhandlung in drei Teilen (vgl. Nickel-Bacon 2014, S. 74): Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Hasen, der sich aus Angst vor dem Verlust seines unermesslichen Besitzes einsam und allein in seinem hochgesicherten Haus verschanzt hatte (actio).
Sein Ableben wird daher erst Monate später von den anderen Tieren des Waldes bemerkt. Nun folgt die Reaktion der Waldbewohner (reactio): Für das Gold des Hasen muss ein angemessener Erbe gefunden werden, und dieser muss laut Testament der größte Angsthase des Waldes sein. So beginnt der Wettstreit darüber, wer den rechtmäßigen Anspruch auf das Hasenerbe erheben kann. Statt mit Heldentaten wird nun mit der größten Angst geprahlt: Die Eule gibt zu, dass sie immer befürchtet, etwas Falsches zu sagen, die Schlange hat Angst davor, als Lügnerin dazustehen, und die Hühner klagen über ihre Fuchsangst. Dennoch scheint niemand zu überzeugen, bis zur Überraschung aller sich der Wolf als größter Angsthase entpuppt.
Das Ergebnis (eventus) ist nun, dass dem Wolf die Erbschaft zugesprochen wird und er in die Festung des Hasen Einzug hält. Doch die Freude darüber, die Tiere des Waldes erfolgreich getäuscht zu haben und in den Besitz des Schatzes gelangt zu sein, hält nicht lange an. Denn die Angst vor dem Verlust ergreift nach und nach vom Wolf Besitz und macht ihn einsam und unglücklich. Das offen gehaltene Ende deutet an, dass die Gier nach Besitz und der Geiz das Leben so beeinträchtigen können, dass die Habe zur Belastung wird und zum Verlust von Lebensqualität und Freundschaft führen kann.
Das Bilderbuch
Das Bilderbuch von Martin Baltscheit und Christine Schwarz ist ein Gesamtkunstwerk, in dem Text, Bilder und typografische Gestaltung in beeindruckender Weise ineinandergreifen. Während der Text die fabeltypische Grundstruktur aufweist, schnörkellos auf die Pointe zielt und die anthropomorphisierten Tiere ohne spezielle Eigenschaften präsentiert, charakterisieren die Bildtafeln das Figural mit einer besonderen Tiefe und bilden einen die Tierfabel konterkarierenden psychologischen Subtext (vgl. Weinkauff 2015).
So dominiert etwa im Porträt des Hasen sein angstgeweitetes, übergroßes, nur aus Pupille und Iris bestehendes Auge, mit dem er hypersensibel jede lauernde Bedrohung wahrnehmen kann. Die paralysierte Starrheit wird durch seinen steifen, weißen Hemdkragen verstärkt und symbolisiert zugleich den Zwang, den er sich selbst durch seinen Geiz auferlegt hat.
Diese Haltung ergreift zum Ende auch den Wolf: Die vorletzte Bildseite, die die rabenschwarze Lebensperspektive des Wolfes als Angsthase visualiert, ergänzt in tiefsinniger Weise den gegenüberstehenden Text: „Der große böse Wolf saß im Haus des Angsthasen und bewegte sich nicht. Seit heute Morgen hatte er keinen Bissen mehr zu sich genommen. Langsam, sehr langsam kroch ein neues Gefühl in seinen Magen (Baltscheit/Schwarz 2013, S. 42).
Auffällig ist auch die typografische Gesamtgestaltung. Jede Doppelseite enthält meist auf der rechten Hälfte ein ganzseitiges, dunkles Porträt eines Tieres, während die linke Hälfte der cremefarbige Negativraum einnimmt, lediglich durch eine kleine Textfläche etwas oberhalb von der Seitenmitte unterbrochen. Insgesamt ruft diese Komposition einen ruhigen Eindruck hervor und verstärkt die Assoziation von Wertbestand. Dies wird durch die Schriftwahl weitergeführt. Die Georgia wirkt konservativ, wie auch das schwere Papier, das an gewichtige Dokumente erinnert. Die Schrift ist vorwiegend in schwarz gehalten. In Goldorange sind...

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