1. – 6. Schuljahr

Susanne Helene Becker

Fabeln

Ein Genre für den aktuellen Literaturunterricht?

Die Fabel ist eine Gattung der kurzen Erzählliteratur, und sie hat eine episodische Grundstruktur, die leicht und schnell zu erfassen ist zwei Gründe, warum sie in der Schule nach wie vor einen beliebten Lesestoff darstellt. Sie gehört aber auch zur Lehrdichtung. Und dieses Merkmal klingt erst einmal so gar nicht nach einem geeigneten literarischen Text für den Literaturunterricht.

Natürlich, Fabeln gehören in unser kulturelles Archiv, und es ist richtig, sich zu fragen, ob ihre Kenntnis nicht ein Teil der literarischen Bildung von Kindern ausmachen sollte. Diese Frage kann man nur bejahen, denn als formalisierte Erzählung, als Tiergeschichte, als Erzählung, die bekannte Stoffe und Motive verarbeitet, erweitert ihre Lektüre das literarische und literaturgeschichtliche Wissen.
In einem Literaturunterricht aber, der auf das literarische Lernen zielt, mögen Fabeln manchmal unzeitgemäß erscheinen, denn sie sind in ihrer Absicht und Erzählstruktur didaktisch. Sie funktionalisieren also das Erzählen (Grubmüller, S. 555) für das Verhalten und die Einstellungen normierende Zwecke. Entsprechend sind sie arm an auszudeutenden Leerstellen, damit sie ihre Belehrungsabsicht bestmöglich erfüllen können.
Interessant, dass ausgerechnet eine so funktionalistische Gattung wie die Fabel diese Bezeichnung erhalten hat, denn in ihrer lehrhaften Eindeutigkeit hat sie wenig Ähnlichkeit mit dem, was wir mit Fabulieren verbinden. In ihrem Deutungsspielraum unterscheidet sich die Fabel von der Parabel, einer weiteren Gattung der Kurzprosa, die einen viel weiteren Auslegungsrahmen zulässt.
Insofern liegt die Überlegung nahe, ob Kinder die Fabel als eine Art „Anleitung für gutes Benehmen kennen und zu begreifen lernen sollten (vgl. Becker 2015, S. 157).
Noch dazu geht es ja in der traditionellen Fabel nicht um die Diskussion und das Abwägen verschiedener moralischer Urteile, sondern um die Übernahme von je einer festgelegten Tugend. Die Fabel ist nun mal eine didaktische Gattung zum Zwecke der Verhaltensänderung. Sie gehört, so kann man argumentieren, in eine Zeit, in der Literatur zur Einflussnahme auf Kinder gedacht ist; in Epochen also, in denen die Erziehungsabsicht dominiert, Kinder als Garanten für eine bessere Welt anzusehen. Kein Wunder, dass die Fabel im 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung, eine Wiederbelebung erfuhr und neben dem Exempel zur Hauptgattung auch der Kinderliteratur wurde. Welche Gründe könnten also dafürsprechen, dass Kinder heute in der Grundschule Fabeln kennenlernen?
Projektionsfläche für Entwicklungsthemen
Nun, andere ihrer Merkmale eignen sich wiederum sehr gut für einen zeitgemäßen Umgang mit der Fabel: Wie das Märchen bewegt sie sich in der Regel im Reich des Irrealen. Denn sie ist eine fiktionale Gattung, in der auch junge Leser nahezu sofort erkennen, dass die innerliterarische Welt eine Erfindung jenseits der physikalischen Gesetze unserer Realität ist: Tiere, die nicht nur sprechen, sondern bisweilen auch „menschliche Wünsche und Bedürfnisse haben, werden schnell als eine Erfindung, als Fiktion, erkannt. Die Anthropomorphisierung (Vermenschlichung) von Tieren und Gegenständen weist mit aller Deutlichkeit darauf hin, dass der Leser sich im Reich der Imagination bewegt.
Zudem werden diese Protagonisten dadurch zu einer geeigneten Projektionsfläche für die Deutungen und das Probehandeln des Lesers, weil nicht äußere Ähnlichkeiten (wie „Da handelt einer, der auch ein Junge und neun Jahre alt ist.), sondern Analogien im Bereich des Psychischen gebildet werden („Da will auch mal einer der Stärkste sein.). Daher können Grundschulkinder in sinnvoll gewählten Fabeln auf Entwicklungsthemen treffen, die unmittelbar an ihr Alltagserleben und ihre Wünsche anknüpfen: sich um ein Recht zu streiten; sich zu freuen, dass ein Angeber entlarvt wird; den Wunsch zu erleben, andere einmal durch die eigene...

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