1. – 6. Schuljahr

Kaspar H. Spinner

Fabeln für Kinder

Lernvoraussetzungen und Perspektiven

Fabeln sind keine Kinderliteratur, aber sie sind seit der Antike immer wieder auch Schulstoff gewesen. Welche Möglichkeiten literarischen Lernens bieten sie, woran kann man mit ihnen anknüpfen, und worauf zielt die Beschäftigung mit ihnen?

Man stelle sich vor, es gäbe eine Fabel über die Fabel, die etwa so lautet:
Die Fabel begegnete dem Märchen und fing mit ihm zu streiten an. „Du behauptest, du seiest die beste Literatur für Kinder, sagte die Fabel zum Märchen, „und dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass man angefangen hat, dich in der Schule ernstzunehmen. Mit mir haben Kinder schon vor 2000 Jahren in der Schule gearbeitet. Das Märchen aber antwortete: „Du bist ja nur neidisch, weil die Kinder keine Freude an dir und deinen Belehrungen haben. An mir freuen sich die Kinder.
Vielleicht gibt es sogar noch eine Fortsetzung der Fabel:
Ein paar Tage später begegnete das Märchen wieder der Fabel, aber es erkannte sie zuerst gar nicht. Die Fabel hatte sich in ein Kleid von Versen gehüllt. Das Märchen musterte die Fabel und sagte dann: „Du schmückst dich vergebens. Oder meinst du, dass es den Kindern Freude macht, wenn sie nun auch noch Reime suchen und Versmaße bestimmen müssen?
Welche Lehre soll man aus diesen Fabeln ziehen? Dass man Fabeln in der Grundschule noch nicht behandeln soll und dass es auch nicht besser ist, wenn man Fabeln auswählt, die in Versen geschrieben sind? Oder soll die Lehre lauten: Wenn Menschen Verstand gegen Gefühl ausspielen, werden sie sich nie einig? Wie dem auch sei die beiden Fabeln betreffen Fragen, die in der Fabeldidaktik diskutiert werden und auf die im Folgenden eingegangen werden soll.
Können Kinder Fabeln verstehen?
Diese Frage wird in der Didaktik kontrovers diskutiert. Im Grundschulalter fällt den Kindern das abstrahierende Denken noch schwer. Wenn man als Lehrerin oder Lehrer erwartet, dass sie bei einer Fabel eine verallgemeinernd-abstrahierende Lehre formulieren können, kann man enttäuscht werden. Kinder sind noch stark im wörtlichen Verstehen verhaftet. Sollten Fabeln also erst in höheren Klassenstufen besprochen werden?
Dagegen spricht, dass man in Grundschullesebüchern sehr wohl Fabeln findet und es auf dem Buchmarkt viele Kinderbücher mit Fabeln gibt. Schon seit Jahrhunderten sieht man eine Begründung für die Beschäftigung mit Fabeln darin, dass es sich um kurze Texte in meist einfacher Sprache handle, dass Fabeln stark handlungsbezogen seien und sprechende Tiere als Handlungsträger dem Weltverständnis der Kinder entgegenkämen, die ja auch mit Stofftieren sprechen, als seien es verstehende Wesen.
Welche Auffassung ist bei der Frage, ob Fabeln eine geeignete Lektüre für Grundschulkinder seien, nun zutreffend? Einer Antwort nähert man sich an, wenn man nicht von der Prämisse ausgeht, dass Fabeln notwendigerweise im Hinblick auf eine abstrakte Lehre gelesen werden müssen. Sie wären vielmehr zu lesen als kleine Geschichten, in denen von typischen Situationen des Zusammenlebens erzählt wird. Dass die Figuren meist Tiere sind, die sprechen und denken können, ist für Kinder kein Problem.
Im Unterricht sollte man also nicht primär eine Erarbeitung der Lehre im Blick haben. Schon möglich in der Grundschule ist allerdings das Herstellen von Analogien zur eigenen Erfahrungswelt, zum Beispiel zur Fabel mit den beiden Ziegenböcken auf dem Steg die Frage: „Hast du dich auch schon mit jemand gestritten, weil keiner nachgeben wollte? Solche Überlegungen können durchaus dazu hinführen, dass die Kinder der Fabel eine Einsicht entnehmen, und zwar ohne dass eine Lehre explizit formuliert werden muss. Das Denken in Analogien kann kognitionspsychologisch als Vorstufe zum abstrahierenden parabolischen Verstehen betrachtet werden. Skepsis gegenüber abstrahierender Fabelinterpretation heißt also nicht, dass man über Fabeln nicht nachdenken kann und soll.
Im Folgenden seien, mit...

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