1. – 6. Schuljahr

Kristin Wardetzky

Mit Erzählen Brücken bauen

Beaobachtungen zur schulischen Erzählkultur

Das Erzählen als tradiertes Mittel elementarer Bildung hat über die Zeit nicht an Bedeutung verloren. Der Beitrag spannt einen weiten Bogen über mehrere Jahrzehnte und vermittelt einen Eindruck von der gleichsam zeitlosen und zeitgemäßen Rolle einer alten Kulturtechnik.

Als junge, unerfahrene Lehrerin musste ich im Rahmen des Referendariats den Unterricht für eine erkrankte Kollegin in einer 3. Klasse übernehmen. Die Kinder ließen mich ihre Enttäuschung darüber deutlich spüren, dass nicht ihre geliebte Frau L. vor ihnen stand, sondern ich, eine Unbekannte. Die Stunden endeten täglich im Chaos. Bis ich aus einer plötzlichen Eingebung heraus am 8. Mai aus dem Stegreif und ohne jede Vorbereitung eine Geschichte um den Soldaten der Roten Armee erfand, dessen Standbild ich wenige Tage vorher im Treptower Park in Berlin gesehen hatte.
Er trägt ein kleines Mädchen auf dem Arm, das er mit seinem Uniformmantel wärmt. In meiner Version hatte er es aus einem brennenden Haus mitten aus den Kriegswirren heraus gerettet. Ich bauschte die Geschichte kräftig auf, ließ es an Dramatik nicht fehlen. Die Kinder hörten mucksmäuschenstill zu. Das Eis war gebrochen. Danach waren die Kinder wie verwandelt. Ich hatte unbewusst eine Brücke zu ihnen gefunden. Die Vermittlung von Lerninhalten über Geschichten wurde für meine Arbeit ein wichtiges Unterrichtsprinzip.
Vertrauen in die Kraft des Erzählens
Heute, viele Jahrzehnte später, erlebe ich mit großer Freude, wie professionelle Erzählerinnen regelmäßig in Schulen erzählen und ihr ‚Handwerkszeug an Lehrerinnen und Lehrer und Lehramtsstudierende weitergeben. Dabei vermitteln sie vor allem eins: das unbedingte Vertrauen in die Kraft des Erzählens.
Geeignete Erzählstoffe
Unverzichtbar für den Aufbau eines solchen Vertrauens ist zunächst das Wissen um geeignete Erzählstoffe. Die Erfahrung zeigt, dass sich Geschichten, die über Jahrhunderte hinweg in einem „Purgatorium der Mündlichkeit (Hans Blumenberg) tradiert worden sind, besonders empfehlen also Märchen, Mythen, Sagen. Vor allem die Märchen mit ihrer internationalen Verwandtschaft sind eine verlässliche ‚Grundschule des Erzählens: In der Regel folgen sie einfachen, wiederkehrenden Mustern, die sich unbewusst als „narratives Wissen (Nina Tecklenburg) einprägen. Die Märchenhandlung ist in der Regel überschaubar. Sie verläuft linear, meist einsträngig, also ohne Nebenhandlung oder Vor- und Rückschau, das Figurenensemble umfasst maximal sieben Personen. All das trägt dazu bei, dass sich Märchen gut einprägen erzählen lassen.
Außerdem kann man über die Märchen Brücken schlagen zu anderen Kulturen und damit zu Erfahrungen, die z.B. Flüchtlingskinder aus ihren Herkunftsländern mitbringen. Ihre Freude am Entdecken des Eigenen, des Bekannten seien es Namen, Rituale oder Scherze aus ihrer Kultur ist überwältigend!
Erzählschemata verinnerlichen
Kinder verinnerlichen tradierte Erzählschemata rasch, und sie nutzen sie unbewusst, wenn sie selbst anfangen zu erzählen. Dann orientiert sich ihre Erinnerung oder ihre Fantasie an eben diesen Mustern und hilft ihnen, ihre Geschichte telosorientiert, also zielgerichtet zu strukturieren und so gelungen zu Ende zu führen.
Erzählen oder vorlesen?
Für viele Lehrerinnen und Lehrer ist es anfangs schwer, auf die Stütze des gedruckten Textes zu verzichten. Vorlesen ist eine wunderbare Möglichkeit, Kindern die Welt der Poesie zu erschließen. Dem Vorleser oder der Vorleserin gibt das Buch Sicherheit. So ist die Scheu, ohne Buch zusammenhängend aus dem Gedächtnis heraus eine Geschichte zu präsentieren, nur allzu verständlich. Aber wer dies öfter und öfter tut, wird erleben, wie das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wächst. Es geht nicht darum, Geschichten im Wortlaut zu rekapitulieren. Das wäre Deklamation.
Es geht um die Verlebendigung dessen, was mit Worten entfalten wird:...

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