1. – 6. Schuljahr

Juliane Stude und Anja Wildemann

Erzählen kann doch jeder!?

Erzählerfahrungen, Geschichtenwissen und narrative Kompetenzen

Frühe narrative Erfahrungen prägen die Erzählentwicklung des einzelnen Kindes. Dabei zeigt sich eine große Vielfalt an Erzählanlässen und -formen. Der Grundschul-unterricht hat die Aufgabe, an individuelle Erzählerfahrungen anzuknüpfen bzw. solche Erfahrungen zu initiieren und zu erweitern.

Frühes Erzählen im Dialog
Kinder sammeln ihre ersten Erzählerfahrungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld das ist vor allem die Familie. Dort begegnen ihnen Alltagserzählungen und in der Regel auch fiktionale Erzählungen, die medial vielfältig realisiert werden, wie beispielsweise im mündlichen Erzählen, Vorlesen, als Audiogeschichten oder in Bilderbüchern und Filmen. Diese frühen Begegnungen mit Erzählungen variieren außerdem hinsichtlich ihrer Funktionalität, Intention, Abstraktheit und sprachlichen Gestaltung. Aber immer spielt die Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind eine zentrale Rolle.
Erwachsene übernehmen dabei zunächst den Part des Erzählers und bieten damit narrative Muster an, die die Kinder nach und nach in das eigene Erzählen integrieren. Die Erwachsenen agieren aber auch als Zuhörer und eröffnen den Kindern so einen Erzählraum, in dem sie oftmals eine aktive, mitgestaltende Rolle einnehmen, indem sie die Erzählung des Kindes ergänzen, wenn es beispielsweise zu Auslassungen von Inhalten kommt, die aber für das Verstehen des Erzählten relevant sind.
Besonders förderlich ist das, wenn die Ergänzungen durch den Erwachsenen in angemessener Weise realisiert werden, also so, dass das Kind stets ausreichend Gelegenheit hat, seine Geschichte zu erzählen (s. Kasten).
Kasten
Konzeptionelle Voraussetzungen für eine Fantasieerzählung
Bei der Fantasieerzählung zeigen Kinder bereits früh Planungskompetenz und narrative Bewusstheit.
5 Jahre Vor dem Einstieg in die Erzählung:
Ich hab mir schon eine Geschichte ausgedenkt, aber ich überleg noch wie die nen bisschen so so weitergeht.
5 Jahre Zu Beginn der Erzählung:
Also der Anfang is ja nich spannend. am Anfang is ja nur n Schloss und n Zauberer darin (2 Sek.). aber weiter?
6 Jahre Vor dem Einstieg in die Erzählung:
Soll das als kurze werden? auch Fantasie, oder?
8 Jahre Kurz vor Ende der Erzählung:
Tja, das sollte man am liebsten noch auflösen; am Ende; das überleg ich gerade;
6 Jahre Im Anschluss an das Erzählen:
Mit den Rittern hatte ich mir das eigentlich n bisschen anders ausgedacht. Aber dann hatte ich den Anfang n bisschen falsch gesagt
und dann musste ich den Rest auch n bisschen falsch sagen, weil sonst würde sonst hätte das nicht zusammengepasst.
In der Eltern-Kind-Erzählung lässt sich außerdem beobachten, dass Eltern in der Regel ein gutes Gespür für die Erzählentwicklung ihres Kindes haben und sich bei zunehmender Erzählfähigkeit nach und nach zurückziehen (vgl. Andresen 2011, Klann-Delius 2005).
Mündliches Erzählen findet in Gesprächen statt
Mündliches Erzählen ist eingebettet in Gespräche und damit in kommunikative Zusammenhänge, in denen ein stetiger Austausch zwischen Erzähler und Zuhörer stattfindet. Eine Besonderheit des Erzählens ist dabei, dass es innerhalb eines Gesprächs eine abgegrenzte Einheit bildet. Das zeigt sich etwa darin, dass während einer Erzählung der übliche Sprecherwechsel unterbrochen ist und das Rederecht über einen längeren Zeitraum beim Erzähler liegt.
Eine Erzählung ist also in den Gesprächszusammenhang angemessen einzubetten und als eigenständige, mehrere Äußerungen umfassende Einheit wahrnehmbar zu machen. So ist zum Beispiel kenntlich zu machen, wann ein Erzählbeitrag beginnt und wann er endet (Ohlhus 2013). Mehr noch ist Voraussetzung, überhaupt zu erkennen, wann es passend ist, in ein Gespräch eine Erzählung einzuflechten. In der Erzählerwerbsforschung wird diese wichtige Teilfähigkeit von Erzählkompetenz als sog. Kontextualisierungkompetenz gefasst (Quasthoff 2012,...

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